Vom andalusischen Lifestyle und dem Leben im Hier und Jetzt

Der Alltag hat uns wieder. Der Sommer ist vorbei. Erst einmal möchte ich mich für meine lange Abwesenheit entschuldigen. So war das nicht geplant! Ich hatte mir eigentlich vorgenommen (und mich darauf gefreut!) im Urlaub noch viiiiieel mehr zu bloggen als sonst, weil ich dort endlich mal Zeit dafür haben würde, aber dann… ja, dann kam irgendwie alles anders: mehr als gelegentlich Fotos posten, war nicht drin: der Körper verfiel bei Temperaturen um 40 Grad im Schatten ganz automatisch in den Urlaubsmodus. Der deutsche Alltag war ganz weit weg – nicht nur was die physische Distanz angeht. Ich kann die Spanier und ihr Bedürfnis nach Siesta echt verstehen, genauso wie die vielen unfertigen Baustellen (ok, dass die nicht nur der Hitze im Sommer als vor allem auch der finanziellen Lage der Region geschuldet sind, blende ich mal aus), ich verstehe, warum die Schulen dort ganze drei Monate Sommerferien haben: Bei diesem Wetter KANN man gar nichts anderes machen als faul im Schatten zu liegen, am besten mit einem kühlen Getränk in der Hand.

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Schön war´s

Und lang. Eine echte Auszeit vom durchstrukturierten Alltag. Keine Termine, kein Zeitdruck, nichts! Entsprechend unorganisiert waren wir teilweise: die Kinder badeten (abgesehen vom Pool und Meer) so gut wie nie, anstatt sie abends zu einer „zivilisierten“ Uhrzeit unter Protest ins Bett zu bringen, tobten und spielten sie mit ihren vielen spanischen Cousins und Cousinen und Freunden bis spät in die Nacht und schliefen zufrieden vor Erschöpfung meist auf dem Sofa ein, während wir Erwachsenen im Garten zusammen saßen, uns unterhielten, lachten, aßen und tranken, bis auch wir in den frühen Morgenstunden müde aber glücklich ins Bett fielen. Wir hatten endlich mal Zeit für uns. Keine Hektik. Wir hatten dieses Mal ein Haus mit Pool gemietet, was ich nur jeder Familie mit Kindern empfehlen kann! Anstatt morgens schon vor dem Frühstück mit „MAMAAAA; was machen wir heute?!“ bombadiert zu werden, dann hektisch alles für den Strandtag zu packen und vorzubereiten, gingen die Mäuse nach dem Aufwachen (was auch entsprechend später stattfand) wie selbstverständlich erst einmal in den Garten und sprangen in den Pool (die Kleinste natürlich nur mit Schwimmflügeln und unter Aufsicht).

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Nach dem Frühstück unter Bananenpalmen bewegte ich mich dann ganze zwei Schritte weiter auf die Liege. Dort lag ich dann. Und las, und öffnete mir wie selbstverständlich gegen 12:00 das erste Bier (ganz ohne schlechtes Gewissen – weder wegen der Kalorien noch angesichts des Alkoholkonsums zu früher Stund´). Überhaupt war alles entspannter. Vor allem die Zeit spielte keine Rolle.

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In Andalusien ticken die Uhren anders

Während unseres Aufenthalts fand im Dorf das jährliche Volksfest statt, die „Feria“. Vor 0:00 lief da aber nichts – am ersten Abend fürchteten wir schon, dass sie doch nicht stattfände, da wir – anders als am Abend zuvor – weder Musik noch sonst irgendwelche Geräusche von dort vernahmen, jedoch  war es um 22:30 einfach noch zu früh. Sie öffnete erst um 0:00! Dann kamen von überall her Kinder, Omas, und gut gelaunte Eltern. Auch wir waren die drei Tage der Feria jeden Abend bis ca. 3:00 mit unseren vier Kindern dort. Man passt sich ja an… Die Uhren schlagen dort einfach anders. Dass es um 19:30 dort Kaffee und Kuchen gibt: ganz normal! Das Abendessen findet nie vor 22:00 satt, eher so gegen 23:30. Und die Kinder dürfen so lange aufbleiben wie sie wollen. Laut tobende Kinder bis um 2:00 oder 3:00 morgens sind in Andalusien völlig normal im Sommer!

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Entschleunigung ist das Stichwort

Es lebt sich dort irgendwie leichter – nein, das kam uns nicht nur so vor, weil wir im Urlaub waren –  auch an unserer spanischen Familie sehe ich das. Sie sind zufrieden und leben im Hier und Jetzt. Sie sind nicht reich, aber sie haben alles was man braucht, um gut zu leben: ein Dach über dem Kopf, den Strand um die Ecke, gesunde Kinder, ein Auto, genügend Essen und Trinken, ein paar Tage Urlaub im Jahr und die meisten von ihnen sogar Arbeit. Es sind zwar keine klassischen Traumjobs, denen sie nachgehen, aber ausreichend, um die Rechnungen zu bezahlen. Sie leben nicht um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben. Sie haben nichts Besonderes, aber doch das Einzige, was wirklich zählt: Sie haben sich! Und sie lieben sich. Und sie genügen sich. Und sie sind zufrieden. Das ist doch tausend Mal wertvoller als dieses ständige Streben nach höher, weiter, schneller.

 

Schlafenszeit, aber keiner will ins Bett…

Wir sind letztes Wochenende endlich umgezogen. In das Haus, das wir geerbt haben. Das Haus ist wunderschön und befindet sich in einer Traumlage in Berlin-Westend. Aber es ist mit seinen (bislang nur) drei Zimmern leider etwas zu klein für eine fünfköpfige Familie wie uns.  Bis es umgebaut ist, müssen sich unsere drei Kinder nun erst einmal ein Zimmer teilen. Das ist eigentlich kein Problem, denn sie sind sowieso immer zusammen. Noch nie ist eines in seinem Zimmer geblieben und hat dort ruhig für sich allein gespielt. Jetzt im Sommer sind sie ja eh meist im Garten zugange, und davon abgesehen sind sie auch nur an den Wochenenden – wenn überhaupt – mal den ganzen Tag zu Hause. Es geht also. Was allerdings nicht geht, ist das abendliche Ins-Bett-Bringen! Wie die meisten Kinder wollen meine abends nicht schlafen gehen. Ich hingegen bin müde, habe meist noch nicht gegessen und freue mich auf mein Fernsehprogramm. Meine Abende sind mir heilig. Ich zelebriere sie geradezu: Ich zünde mir Kerzen an, koche mir etwas Leckeres und trinke ein schönes Gläschen Wein dazu. Das ist, glaube ich, eine meiner Überlebensstrategien, ein entspannender Ausgleich zu  meinem Leben als berufstätige, studierende Dreifach-Mami. Westenddad ist ja bekanntlich in der Gastronomie tätig und somit ab 15:00 raus. Quasi bin ich ab dann alleinerziehend. Ich muss unsere Kinder alleine aus der Kita abholen, sie alleine baden, ihnen alleine etwas kochen (meist vorher noch einkaufen), alleine mit ihnen Zähne putzen und, ja, sie dann eben auch alleine ins Bett bringen. Das Problem ist, dass nicht nur sie abends müde und quengelig sind, sondern auch ich. Ich möchte, dass sie nach dem Zähneputzen und der Gute-Nacht-Geschichte selig und zügig in ihren Bettchen einschlummern, tief und fest, und bis zum nächsten Morgen. Meine Kinder sehen das leider anders. Sie wollen spielen, spielen, spielen. Und jede einzelne Minute bis sie einschlafen ausnutzen. Sobald ich aus ihrem Zimmer raus bin, höre ich sie leise reden. Leise reden ist ok, denke ich mir und sage nichts. Ich gehe die Treppe herunter, beginne mir etwas zu kochen. Da höre ich sie schon lauter. Das Essen ist nun aufgesetzt, ich habe gerade also keine Zeit, nachzusehen. Ich höre, dass sie aufgestanden sind, dass sie mittlerweile im Zimmer herumrennen. Ich gehe hoch, um nachzusehen. Da rennen alle, quietschend vor Lachen, schnell in ihre Betten und decken sich zu, so als ob sie nie aufgestanden waren. Innerlich muss ich grinsen. Ist ja schon süß. Aber ich möchte dann doch auch endlich mal Ruhe haben. Das sage ich ihnen. Ich gehe wieder die Treppe herunter. Hoffe, dass mein Essen mittlerweile nicht angebrannt ist. Da geht es wieder los…. Jetzt, wo alle drei in einem Zimmer schlafen, stacheln sie sich natürlich gegenseitig an, Quatsch zu machen, ermuntern den anderen dazu, und wollen selbst immer der sein, der am meisten herumkaspert.

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Gestern habe ich mal bei einer Erzieherin meiner Kinder nachgefragt, ob sie einen Tipp für mich hätte, denn ich wusste neulich echt nicht mehr weiter. Die Erzieherin erzählte mir von ihrer Kindheit in einem Waisenhaus in Südamerika. Dort wurden die Kinder in „Schichten“, ihrem Alter entsprechend, ins Bett gebracht. Die jüngeren zuerst, dann die Schulkinder, dann die Jugendlichen. Das riet sie mir auch. Doch jedes Kind einzeln ins Bett zu bringen, schien mir keine attraktive Lösung. Ich brachte also die beiden Kleinsten zusammen ins Bett während der Große noch etwas aufbleiben durfte. Wir guckten uns ein Buch an, kuschelten und dann sang ich ihnen ein Schlaflied vor. Die Mittlere war sofort weg, die Kleinste jedoch war bereits nachmittags auf dem Weg von der Kita nach Hause eingeschlafen und wollte nun nicht mehr. Sie weinte als ich aus dem Zimmer gehen wollte, also legte ich mich zu ihr ins Bett. Zwar beruhigte sie sich, aber jedes Mal wenn ich aufstehen wollte, fing sie wieder an zu schreien,  und da ich nicht riskieren wollte, dass die Mittlere aufwachte, legte ich mich wieder zu ihr ins Bett. Nach einer Stunde (!) hatte ich die Nase voll. Ich verpasste gerade meine Sendung und war noch ungeduscht, zum Glück hatte ich wenigstens schon mit den Kindern zusammen gegessen! Das Badezimmer liegt gleich neben dem Kinderzimmer, also sagte ich meiner Tochter, dass ich kurz duschen gehen würde und dann wiederkäme, um ihr noch ein Küsschen zu geben. Das schien ok für sie zu sein. Natürlich hoffte ich insgeheim, dass sie während meiner Abwesenheit einschlafen würde. Das schien auch fast zu klappen, denn es blieb auffällig ruhig. Ich war guter Dinge und schon abgetrocknet und im Bademantel, als sie plötzlich heulend in der Tür stand: „MAMAAAA; ich hab schon geschlaft aber ich muss PIIIPIIIIII!!!“… 😞

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Wie kriegt Ihr das abends alleine hin, mehrere Kinder ins Bett zu bringen? Was funktioniert bei Euch? Was nicht? Habt Ihr Tipps für mich?

Oh! Mein! Gott!

Was war das für ein Schreck vorgestern. Carlos (8) war verschwunden.

Aber ich fang mal chronologisch an:

13:50 Papa ruft bei Carlos´ Schule an, sagt dem Lehrer, er soll unseren Sohn bitte selbständig zwei Stationen bis S-Bahnhof Charlottenburg fahren lassen, von dort würde er ihn dann abholen. Theoretisch müsste er dann also gegen 14:10 am vereinbarten Bahnhof eintreffen.

14:30 noch immer kein Carlitos… Papa ruft noch einmal in der Schule an, fragt, ob Carlos denn auch wirklich losgeschickt worden sei. Dies bejaht der Lehrer.

Papa wartet.

Papa wird langsam unruhig.

Manchmal gibt es S-Bahnen, die nicht ihre eigentliche Strecke fahren, sondern nur bis zum Knotenpunkt Westkreuz. Das weiß Papa aus Erfahrung, Carlos auch. Papa fährt also dorthin, um nachzuschauen.

Nichts.

Papa fährt zum S-Bahnhof Savignyplatz, dort ist seine Arbeitsstelle. Vielleicht hatte Carlos verstanden, er solle direkt zu Papas Arbeit kommen, wie sonst immer wenn er alleine fahren darf.

Nichts.

Papa fährt wieder zu dem Bahnhof, an dem er sich eigentlich mit Carlos treffen wollte. Immer noch keine Spur von ihm.

15:06 Papa ruft mich im Büro an. Erzählt mir die ganze Geschichte.

15:20 leicht panisch (ok, „leicht“ ist vielleicht untertrieben) rufe ich die Polizei an. Ich erwarte eigentlich, dass die mir sagt, dass ich deswegen nicht den Notruf blockieren soll oder zumindest, dass sie vor dem Ablauf einer bestimmten Zeit gar nichts machen können und ich mich beruhigen solle, etc., etc. Aber ich werde erstaunlich ernst genommen. Einerseits freut mich das, andererseits beunruhigt es mich, denn wenn ich vom Notruf ernstgenommen werde, ist es dann nicht auch … ähm, also ernst?! Auf einmal finde ich mich in einer Situation wieder, die ich bis dato zum Glück nur vom Fernsehen her kannte – leider aus Krimis mit leider nicht immer gutem Ausgang: ich werde gefragt, wie Carlos aussieht, was er anhat. Der Magen dreht sich mir um. Hoffentlich ist ihm nichts passiert!!! Hoffentlich passiert ihm nichts!! Draußen herrscht mittlerweile Starkregen. Ich bin mir sicher, dass Carlos seine Jacke wie immer in der Schule gelassen hat, jetzt also höchstwahrscheinlich nur mit einer blauen kurzen Hose, einem gelben T-Shirt und schwarzen Turnschuhe bekleidet unterwegs ist. Aber wo??? Die Polizei fragt mich, ob er öfters schon mal weggeblieben ist. Das muss ich klar verneinen. Sie werden jetzt einen Einsatzwagen mit Sirene und Blaulicht losschicken. Das machen sie immer so, wenn Minderjährige unter 14 Jahren vermisst werden. Sie werden jetzt erst einmal zum vereinbarten Treffpunkt fahren, dahin, wo der Papa sich gerade befindet und auf ihn wartet.  Ich merke an meinem Handy, dass sich etwas tut. Entweder jemand schickt mir gerade Nachrichten oder probiert anzurufen, ich sage es dem Polizisten, werde kurz mal nachsehen, falls es eine Nachricht ist, dass Carlos in der Zwischenzeit wieder aufgetaucht ist. Aber nichts! Die Polizei schickt also einen Einsatzwagen los. Ich benachrichtige meinen Partner, der sich sobald er die Polizei am Bahnhof sieht, bei ihnen melden soll.

Dann gehe auch ich los. Natürlich habe ich gerade an diesem Tag einen wichtigen Termin am anderen Ende der Stadt. Ich entscheide mich, ihn wahrzunehmen, da ich momentan sowieso nicht von Nützen wäre. Ich hoffe einfach, bis der Termin vorbei ist, hat sich alles geklärt. Im Gehen treffe ich auf eine Kollegin, der ich die Geschichte im Schnelldurchlauf erzähle, wobei sich mir noch mal die ganze Lage verdeutlicht. Als ich in mein Auto steige, bin ich völlig aufgelöst.

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5 Minuten später dann der erlösende Anruf: Carlos ist wieder aufgetaucht! Mein Partner hatte noch mal beim Lehrer angerufen, der daraufhin selbst noch einmal die Strecke zum S-Bahnhof (der, von dem Carlos hätte losfahren sollen) ablief. Dort fand er ihn dann. Mein Sohn hatte verstanden, dass der Papa ihn von dort abholen wollte. Er saß mittlerweile seit über 1,5 Stunden dort! Und war durchnässt und durchfroren, aber er war wieder da! Und es ging ihm gut! – Also zumindest war er weder verletzt, noch entführt, noch missbraucht, noch von Wildschweinen im Grunewald attackiert worden, noch sonst etwas! Es gehen einem ja die kühnsten Gedanken durch den Kopf… Erleichtert rief ich die Polizei an (die gerade am anderen Bahnhof eingetroffen war) und gab Entwarnung. Oh Mann, das war ja noch einmal glimpflich ausgegangen!

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Abends waren meine Drei dann wieder munter beisammen. Das Kinderchaos störte mich an diesem Tag mal so überhaupt gar nicht! 🙂

Das Positive, das man aus so einer Situation ziehen kann, ist, dass sie einfach ALLES im Leben relativiert. Plötzlich ist alles so unwichtig: Umzugsstress, Geldsorgen, Erbschaftsstreitigkeiten… Alles scheißegal! Hauptsache man selbst und seine Lieben sind wohlauf. Das ist doch das Allerallerwichtigste. Wäre das mit meinem Sohn anders ausgegangen, hätte ich wohl nie wieder glücklich sein können, nichts in unserem Leben wäre je wieder so wie vor diesem Tag gewesen. Meine Gedanken sind bei allen Eltern, deren Kinder nicht so schnell wieder auftauchen, die teilweise über Jahre verschollen bleiben. Wie um Gottes Willen kann man mit so etwas fertig werden? Diese Ungewissheit. Es ist wohl das Allerschlimmste, was einem passieren kann, nicht zu wissen, was mit seinem Kind passiert (ist). Und wie kann man dem vorbeugen? Haben wir etwas falsch gemacht? Ich denke, man kann es einem Achtjährigen schon zutrauen, zwei Stationen alleine S-Bahn zu fahren, selbst in einer Großstadt wie Berlin. Es ist einfach so, dass in unserer Welt nichts hundertprozentig sicher ist, es nicht sein kann. Ein Restrisiko bleibt immer. Damit müssen wir einfach leben und das Beste daraus machen. Und wir müssen offen und ehrlich mit unseren Kindern sprechen, sie über Gefahren aufklären, ohne ihnen Angst zu machen und Notfallstrategien mit ihnen absprechen. Ich habe jetzt beispielsweise mit meinem Sohn vereinbart, dass er im Zweifelsfall (wenn er kein Handy bei sich hat und auch sonst alle Stricke reißen) immer zu Papas Arbeit fahren soll. Dort sind immer Leute, die ihn kennen und uns verständigen können.

Habt Ihr schon einmal so ein Horrorszenario mit, bzw. wegen, Euren Kindern durchgemacht? Wie seid Ihr damit umgegangen? Was würdet Ihr anderen Eltern raten?

 

Kinder, es ist Sommer!

Ich liiiiiiiiiebe den Sommer! Auf Regen und Schnee hingegen könnte ich gut verzichten. Ich würde sogar ein Weihnachten unter Palmen der weißen Weihnacht vorziehen, wenn ich mich entscheiden müsste. Urlaube müssen bei mir immer etwas mit Sand und Strand zu tun haben. Skiurlaube reizen mich gar nicht. Meinetwegen könnte das ganze Jahr über Sommer sein! Die Vorteile fangen schon beim morgendlichen (Kinder-) Anziehen an: wo man im Winter Unterwäsche, dicke Socken, ein T-Shirt, ein dünneres Langarmshirt, einen dickeren Pullover, Leggins, eine dicke Hose, sowie Winterjacke, Schal, Mütze und Handschuhe (bei mir kommt einer stets gleich am ersten Tag abhanden) benötigt – und das bei drei Kindern alles mal drei – reicht im Sommer eine frische Unterhose und ein Sommerkleid. Nicht einmal Strümpfe sind in den Sandalen notwendig, wenn es so richtig schön warm ist. Darüber hinaus ist das Leben entspannter, wie ich finde, die Laune der Leute verbessert sich, sie werden offener und zugänglicher. Die Lebensqualität steigt. Urlaubsstimmung kommt auf. Man kommt morgens besser aus dem Bett, obwohl gleichzeitig die Nächte länger werden. Bis spät abends kann man im (Bier-)Garten oder auf dem Balkon das schöne Wetter genießen. Aber am besten finde ich, dass man so viel mit den Kindern unternehmen kann. Und zwar Dinge, die auch den Eltern Spaß machen.

Wir waren letztes Wochenende Erdbeerenpflücken im Berliner Beerengarten. Das war ein Supererlebnis für die ganze Familie. Eintritt kostet pro Erwachsenen 2€ (Kinder gratis!). Dort kann man sich an Erdbeeren satt essen. Alles was man mit nach Hause nehmen möchte kostet 4€ pro Kilo. Wir hatten fast 4 Kilo gepflückt. Aus einer Hälfte haben wir Marmelade gekocht, was übrigens sehr lecker und noch einfacher zu machen war: Früchte waschen, das Grüne wegschneiden, in einem Topf mit Zucker nach Gefühl und evtl. etwas frischer Zitrone einkochen bis es dickflüssig wird. Taaadaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!!!!! Aus dem Rest hat Westenddad Erdbeermargarita angesetzt, die wir heute mit Freunden beim Video-Grill-Abend probieren werden. Ich freu mich schon! 😉

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Am Wochenende davor waren wir mit Freunden auf ihrem Boot, sind die Havel hinuntergeschippert, haben dann in einer Badebucht geankert und sind vom Boot ins Wasser gesprungen. Das war ein Spaß – nicht nur für die Kinder! Aber selbst wenn man gar nichts groß unternimmt, sondern einfach mal nur im Garten oder im Park chillt, ist es im Sommer für alle schön. Die Kinder finden schnell etwas mit dem sie sich beschäftigen, während die Erwachsenen sich auch mal entspannen können. Irgendwie habe ich das Gefühl, das Leben geht einem im Sommer leichter von der Hand, die Kinder laufen da fast automatisch nebenbei mit. Im Winter ist das alles ein viel größerer Aufwand. Bis da vor einer Unternehmung alles gepackt und verstaut ist, ist mir die Lust schon fast wieder vergangen. Davon abgesehen gibt es kaum Aktivitäten, bei denen die ganze Familie auf ihre Kosten kommt: im Legoland, Bambooland oder anderen Indoorspielplätzen gefällt es den Eltern ja oft nicht so besonders;  im Kino langweilen sich gerade jüngere Kinder sehr schnell und werden unruhig – und davon abgesehen ist das auch alles ziemlich teuer. Bei schlechtem Wetter stelle ich vor jedem Wochenende Überlegungen an, wie man die Kinder denn nur halbwegs sinnvoll beschäftigen könnte, aber die Möglichkeiten finde ich doch ziemlich begrenzt. Aber egal – es ist Sommer, also möchte ich jetzt gar nicht schon wieder an den laaaangen, kalten, dunklen Winter denken.

Hier meine Top Ten der erschwinglichen Aktivitäten für einen entspannten glücklichen Sommertag mit Kindern:

  1. Erdbeeren pflücken und danach Marmelade einkochen
  2. Picknicken im Park
  3. Enten füttern am See
  4. Zoobesuch – der Klassiker, aber immer wieder schön
  5. Karls Erdbeerhof (es gibt dort eine Menge zu entdecken und der Eintritt ist gratis!)
  6. Baden gehen: ins Freibad/ an den See/ ans Meer – je nach Geschmack und danach, wo man wohnt. Wir wohnen in Berlin, fahren aber gern mal für einen Strandtag 200km an die Ostsee nach Warnemünde – und abends sandig und mit Salz auf der Haut wieder zurück – Urlaubsfeeling pur!
  7. So simple so good: im Garten grillen und den Kindern ein großes Planschbecken aufstellen, in dem man sich bei Bedarf auch mal selbst abkühlen kann
  8. Auf den Spielplatz. Während die Kids spielen, die Sonne genießen oder mit anderen Müttern quatschen
  9. Auf dem Wochenmarkt frisches Obst und Gemüse einkaufen und dann daraus etwas zusammen kochen, bzw. Salat machen o.ä.
  10. Eis essen gehen

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Was unternehmt Ihr so mit Euren Kindern im Sommer? Geht Euch bei schönem Wetter auch alles leichter von der Hand? Und: Wie beschäftigt Ihr Eure Kinder bei schlechtem Wetter?

Wann komme ich endlich an?

Ich meine das jetzt nicht im Sinne von „wann sind wir da?“, sondern das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Kennt Ihr das? Ich kenne es nämlich leider nicht. Also, nicht wirklich. Klar, es gibt Momente in denen auch ich mich geborgen, glücklich, sicher und komplett fühle, aber eben nur Momente. Ich sehne mich mittlerweile mehr denn je nach diesem Grundgefühl des Angekommenseins. Aber bei uns ist momentan wieder mal so viel los, dass das wohl leider vorerst noch ein Wunsch bleiben wird. Irgendwie ist immer ziemlich viel los bei uns. Die letzten zehn Jahre sind vergangen wie im Flug und es ist sooo viel passiert wie bei anderen in der doppelten Zeit – mindestens: drei Kinder bekommen, drei Fehlgeburten erlebt, die Großeltern nebenbei gepflegt bis zu ihrem Tod, Oma gestorben, Opa gestorben, vier Mal umgezogen, Bachelor gemacht, Master fast fertig, den Nebenjob drei Mal gewechselt, angefangen zu bloggen, eine Sprache fließend und verhandlungssicher gelernt… Dass ich jetzt Mitte dreißig und Mutter von drei Kindern bin, habe ich immer noch nicht so ganz realisiert. Ich habe immer noch keine feste, sichere Arbeit, sondern arbeite als studentische Mitarbeiterin. Dieser Job ist, klar, befristet – zumindest bis ich keine Studentin mehr bin. Und das wird sein…. Tja, das ist die nächste Baustelle, die unsicher über mir hängt. Eigentlich fehlt mir nur noch eine Seminararbeit, die ich, wenn ich mich da richtig hinterklemme, locker in nem Monat erledigt haben könnte und eben die Masterarbeit. Das ist ein anderes Ding. 80 Seiten inkl. Recherche schreiben sich eben nicht mal so nebenbei. Und die Zeit, das zu priorisieren, habe ich mit dem Job, den drei Kindern, dem Umzug, der ansteht, etc., etc., gerade nicht. Ja, da ist der Umzug, der kurz bevorsteht (der vierte in acht Jahren), vorher müssen wir das Haus in das wir einziehen aber noch entrümpeln, was leichter  gesagt als getan ist. Ich könnte noch hundert weitere Dinge aufzählen, die jetzt anstehen und mindestens genauso wichtig und groß sind wie die bereits genannten, aber der Tenor ist ja der gleiche. Ich möchte endlich alles erledigt haben. Ich möchte, dass alles in Ordnung ist. Ich möchte mich entspannen können, ein geregeltes, spießiges Leben führen, kreditwürdig sein. Seit geraumer Zeit ist es bei mir nämlich so, dass ich ständig am Grübeln bin, To-Do-Listen erstelle oder abarbeite, in jeder freien Minute, wie eine Getriebene. Wenn die Kinder gerade in der Badewanne sind, wenn ich an der roten Ampel stehe, sogar wenn ich nachts kurz mal aufs Klo muss, checke ich schnell, ob nicht vielleicht doch in der Zwischenzeit eine wichtige Mail angekommen ist oder ob jemand mein Foto auf Instagram geliket hat. Das ist krank, ich weiß. Und es macht nicht nur mich sondern auch meine Umwelt verrückt. Westenddad ist echt genervt (und das ist noch milde ausgedrückt), dass ich, selbst wenn ich abends neben ihm auf dem Sofa sitze (und da er nachts arbeitet ist das ja auch nur zwei Mal pro Woche), nicht wirklich da bin, sondern immer in Gedanken woanders. Für die Kinder ist es natürlich auch nicht schön. Ich kann die Zeit mit ihnen gar nicht richtig genießen, weil ich ständig überlege, was ich jetzt „eigentlich“ tun müsste. Weil ich schon plane, was ich noch alles tun muss, wenn sie endlich im Bett sind. Umso frustrierter und nervöser werde ich da natürlich, wenn das dann nicht nach Plan läuft, weil sie immer wieder aus ihren Betten kommen, weil sie noch was trinken wollen oder noch mal auf die Toilette müssen – gern auch zwei oder drei Mal hintereinander… Im schlimmsten Fall eskaliert es dann und endet im Geschrei meinerseits, woraufhin ich mich dann nur noch schlechter, weil als komplette Versagerin und Rabenmutter, fühle.

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Ich muss gelassener werden

Ja, leichter gesagt als getan. Ich probiere es aber. Ich habe beschlossen, den Feierabend wirklich Feierabend sein zu lassen und außer essen und fernsehen nichts mehr groß zu tun. Ich muss einfach lernen abzuschalten. Ich möchte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen, mich richtig auf sie einlassen, wirklich etwas mit ihnen machen, mich nicht immer nur wie eine Dompteuse im Raubtierkäfig fühlen, die froh ist wenn die Show vorbei ist und sie wieder weitergrübeln kann: „Kinder, essen kommen!“ „Carlos! Nein!“ „So, und jetzt alle Zähneputzen!“ „Ich zähl jetzt bis fünf, und dann sind alle Kinder in ihren Betten!“ Ich möchte wieder Spaß am Leben und an meinen Kindern haben. Im Hier und Jetzt leben, den Augenblick genießen. Wir müssen uns immer wieder klarmachen: Unser Alltag ist ihre Kindheit. Natürlich wird es immer mal hektischere Phasen geben, nur sollte das kein Dauerzustand sein. Werden sie dieses Gefühl der Geborgenheit ansonsten nicht auch mal vermissen? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass das Gefühl des Angekommenseins vor allem aus einem selbst heraus entstehen muss, es ist eine Einstellungsfrage, die eigene innere Haltung. Ich denke, dass es nicht sonderlich von äußeren Faktoren abhängt. Das gibt mir die Hoffnung, selbst jetzt, in der wohl chaotischsten Zeit meines Lebens, „ankommen“ zu können.

Wie seht Ihr das? Seid Ihr schon angekommen?

Dieselben Eltern – ganz unterschiedliche Kinder

Jeder, der Kinder hat, vergleicht diese automatisch mit sich selbst als Kind, mit dem Partner, der Oma, dem Onkel, den Nachbarskindern… und – sehr beliebt natürlich bei Mehrfach-Eltern – miteinander! Ich staune immer wieder, wie unterschiedlich unsere drei Kinder sind. So unterschiedlich, dass man sich teilweise sogar fragt, wie sie nur von den gleichen Menschen produziert und aufgezogen werden konnten/ können. Dass sie das aber sind, bzw. werden, kann ich garantieren – davon abgesehen lässt es sich auch nicht leugnen, da muss man sich die drei nur mal ansehen. Die optische Ähnlichkeit zueinander ist frappierend! Charakterlich sieht´s da ganz anders aus. Das Gute daran, drei so unterschiedliche Kinder zu haben, ist, dass man aufhört, sich selbst für jegliches (Fehl-) Verhalten des Kindes verantwortlich zu machen: „Oh nein, ich bin eine schlechte Mutter; der Carlos hat heute im Kindergarten bestimmt nur gebissen, weil ich ihm gestern keine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen habe… Es ist alles nur meine Schuld! Wir haben als Eltern versagt!“ Naja, ganz so vielleicht nicht, aber bevor seine Schwester geboren wurde und ich merkte, dass sie sich trotz gleicher Eltern völlig konfliktfrei verhielt, befürchtete ich schon, dass das Verhalten unseres Sohnes vielleicht damit zusammenhing, dass ich ihn als er noch sehr klein war, oft mit seinem Papa allein gelassen habe, um mein Studium durchzuziehen. Typisch Frau. Typisch Mama. Wir beziehen immer alles sofort auf uns.

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Carlos – der wilde Outlaw (*01/2009): unser Ältester kann keine Minute stillsitzen, er ist ständig in action, macht Quatsch, experimentiert mit Dingen, mit denen er nicht experimentieren sollte, eigentlich macht er fast immer etwas, das er nicht tun sollte (und von dem er auch weiß, dass er es nicht tun sollte). Ganz „outlaw“ hat er so seine Schwierigkeiten damit, sich an Regeln zu halten. Er ist gerne der Klassenclown, will um jeden Preis Aufmerksamkeit. Die spanische Familie ist sich einig, dass der Papa als Kind genauso war. Carlitos ist ein echter Naturbursche, ein Macher. Das Theoretische liegt ihm weniger. Dennoch ist er sehr intelligent und hat eine schnelle Auffassungsgabe. Er teilt gerne mit anderen. Durch sein ADHS ist er impulsiv und ungestüm und hat es noch nicht so verinnerlicht, wie man sich benehmen sollte, um Freunde zu gewinnen. Beim ihm gilt zu 100%: what you see is what you get!

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Carla – die schlaue Politikerin (*05/2012): die Mittlere weiß ganz genau was sie will und wie sie es bekommt, in ihrer ganzen Art ist sie strategischer als ihr großer Bruder; erfindet schon mal Ausreden wie „meine Erzieherin hat aber gesagt ich muss vorm Essen immer Schokolade essen!“… Sie ist ihrem Alter voraus. Carla liebt es, mit ihrem Bruder herumzutoben (auch körperlich), sie ist sehr sportlich und agil. Außerdem liebt sie Süßigkeiten und Kuchen, Süßes jeglicher Art, das teilt sie dann auch nur ungerne mit ihren Geschwistern. Sie hat viele Freunde und ist stets die Anführerin, wenn es zum Beispiel darum geht, was gespielt wird. Carla kommt nicht nur optisch am meisten nach mir.

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Emma – die scheue Prinzessin (*12/2013): unser Nesthäkchen ist auf den ersten Blick ziemlich schüchtern und zurückhaltend. Sie ist hochsensibel: ein falscher Blick reicht aus und sie bricht in Tränen aus. Am liebsten kuschelt sie mit Mama, aber auch mit anderen Vertrauenspersonen. Sie braucht den Körperkontakt um sich sicher und geliebt zu fühlen. Bis heute hat sie noch keine Nacht in ihrem eigenen Bett durchgeschlafen. Spätestens gegen 1:00 kommt sie in meines. Sie ist die Ordentlichste der drei und sehr auf ihre Sachen bedacht. Anders als ihre Geschwister vergisst sie nur selten mal etwas in der Kita. Sie ist auch die Einzige, die sofort auf mich hört, wenn ich zum Beispiel ankündige, dass jetzt Zähne geputzt werden müssen. Die Großen ignorieren mich da eigentlich immer erst einmal. Emma liebt Gemüse und ist sehr verspielt. Sie kann wirklich stundenlang in Rollenspielen versinken.

Gibt´s sowas: Geburten dem Charakter entsprechend?

Wenn ich recht überlege, waren sogar die Geburten meiner Kinder ganz unterschiedlich, aber verblüffenderweise absolut ihren Charakteren entsprechend: Carlos kam ganz ungestüm und drei Tage vor dem Termin auf die Welt. Impulsiv und übermütig wie er. Passenderweise begann seine Geburt sogar mit einem Blasensprung, der Rest ging relativ schnell, war dafür aber umso heftiger; so nach dem Motto: Taaadaaaaaaaa, hier bin ich!!! Carla kam 5 Tage nach dem errechneten Termin, hatte sich also noch einmal reiflich vorbereitet… Ich bin früh morgens mit Wehen aufgewacht, die sich dann bis zur eigentlichen Geburt kontinuierlich gesteigert haben. Es ging alles sehr geordnet und nach (Zeit-)Plan – bis auf die Tatsache vielleicht, dass sie durch einen Sauerstoffmangel komplett blau und mit lila Füßen zur Welt kam… Emma kam ganz schüchtern und vorantastend sogar erst sechs Tage nach dem errechneten Termin auf die Welt. Sie brauchte wohl etwas mehr Anlauf, traute sich vorher nicht. Bei der Geburt verließ sie dann wohl auch der Mut: ich wachte gegen 5:00 auf mit Wehen, wie bei Carla, fuhr ins Krankenhaus und dort angekommen war… nichts… erst ab 17:00 wurden die Wehen dann endlich (ja, endlich, denn ich wollte mein Kind doch nun endlich haben) stärker. Um 20:15, pünktlich zum Fernsehprogramm, war sie dann da!

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Was beobachtet Ihr bei Euren Kindern? Sind sie auch so unterschiedlich wie meine oder sind sie sich doch ähnlicher? Seht Ihr eine Parallele zwischen Schwangerschaft/ Geburt und dem Charakter Eurer Kinder?

 

Familiendrama Erbschaft oder bei Geld hört die „Freundschaft“ auf

 

Davon, dass Erbschaftsstreitigkeiten schon die besten Familien auseinandergetrieben haben, hat man oft gehört, aber dass es einen selbst einmal treffen kann, damit rechnet man nicht. Jetzt hat es uns aber getroffen. Da ich momentan leider an nichts anderes mehr denken kann, war das heutige Thema unvermeidlich. Mein Kopf ist gerade nicht frei für etwas anderes. Am besten, ich fange einfach mal an:

Meine Großeltern sind beide kurz nacheinander verstorben. In ihrem notariellen Testament haben sie mich, anstelle ihrer zwei Töchter (meiner Mutter und meiner Tante), nach ihrem Tod als Alleinerbin eingesetzt. Meine Mutter hat mich damals als kleines Kind zu ihnen gegeben und sie haben mich liebevoll aufgezogen, waren oft mit mir verreist und haben bis zuletzt alles für mich getan. Unsere Beziehung war entsprechend eng. Als sie dann selber erkrankten, habe ich mich um sie gekümmert. Das Verhältnis zwischen ihnen und meiner Mutter hingegen war seit ich denken kann angespannt. Meine Tante war zwar sporadisch immer mal bei ihnen zu Besuch oder hat angerufen, aber irgendwann hat auch sie sich dann gar nicht mehr bei ihren Eltern gemeldet.

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All by myself…

Die letzten Jahre mit meiner Großmutter waren nicht immer leicht. Sie war an Alzheimer erkrankt, litt zusätzlich an Depressionen und unter Angstzuständen. Sie konnte nichts mehr alleine machen, und da mein Opa es nie gelernt hatte, machten mein Partner und ich nun alles für sie und mit ihnen. Das ging von Papierkram regeln (es gab unter anderem zwei Häuser zu verwalten) über Begleitung zu Arztbesuchen bis hin zum Mittagessenkochen, Aufräumen und Einkaufen. Es machte uns Spaß, Zeit miteinander zu verbringen, aber es gab auch sehr anstrengende und belastende Zeiten. Die Krankheit meiner Oma schritt voran und ihre Launen verschlimmerten sich, sie war teilweise unausstehlich, weil sie einfach nicht mehr verstand, was um sie herum passierte. Dann wurde sie unfair und verletzend. Wir waren eingeschränkt durch sie, konnten z.B. nicht so lange im Urlaub bleiben wie wir es sonst gern getan hätten, weil wir uns um sie kümmern mussten. Ein Austauschsemester in der Nähe unserer andalusischen Familie war undenkbar. Mindestens vier Mal die Woche waren wir bei Oma und Opa und halfen und putzten und taten und machten. Wo wir anfangs noch mithalfen, machten wir jetzt alles alleine für sie und wurden zudem noch oft dafür angemeckert. Sie konnte nichts dafür, es war die Krankheit. Oma fühlte sich bevormundet, alleine hätte sie es aber nicht machen können. Statt dankbar zu sein, war sie neidisch, dass wir das, was sie nicht mehr konnte, scheinbar mit links erledigten. Unsere drei kleinen  Kinder (die sicher auch lieber etwas anderes unternommen hätten, als immer nur zu den meckernden Urgroßeltern zu gehen) nervten sie zunehmend. Auch wir waren häufig am Rande unserer Belastbarkeit. Und dennoch taten wir es gern und bereuen es nicht eine Sekunde. Selbst in den schwierigsten Zeiten gab es immer auch sehr schöne Momente, die ich nicht missen möchte! Einen Pflegedienst lehnte meine Oma kategorisch ab, erst als sie gar nicht mehr alleine bleiben konnte (mein Opa musste drei Mal pro Woche zur Dialyse), und wir es mit der Arbeit nicht anders vereinbaren konnten, ging sie, wenn Opa bei der Dialyse war, in eine Tagespflege und hasste es (und uns dafür). Es war keine leichte Zeit. Und es war eine Zeit, in der uns die übrige Familie ganz allein ließ mit dieser Aufgabe. Sie hingegen lebten munter ihr selbstbestimmtes Leben weiter vor sich hin.

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Die Geier kommen!

Nun aber, da beide (Groß-)Eltern tot sind, sind sie ganz schnell da, um ihren Pflichtteil einzufordern. Aber sie kommen nicht persönlich, dazu sind sie zu feige, sie kommen über ihren Anwalt, ganz ohne uns vorher auch nur einmal persönlich kontaktiert zu haben. Wohl um ganz sicherzugehen, dass auch ja alles mit rechten Dingen zugeht, dass alles bis ins Kleinste genauestens in den Pflichtteil hineingerechnet wird. Und statt zu warten bis das eine Haus verkauft ist (denn vorher KANN ich gar nichts auszahlen, egal ob mit oder ohne Anwalt), oder überhaupt mal zu fragen , was bei uns gerade abläuft, wie es uns geht, oder (Gott bewahre!!) ob man uns denn eventuell mit irgendetwas behilflich sein könnte, müssen wir uns nun auch noch mit den von ihnen auferlegten (und im übrigen viel zu kurz bemessenen) Fristsetzungen und anderen Forderungen auseinandersetzen. Und das Absurdeste daran: meine Tante, die mit dem Anwalt gekommen ist, hat dies nicht einmal nötig. Sie hat eine gutlaufende Firma, zwei Häuser, mehrere Autos, ein kürzlich erworbenes neues Wohnmobil… Warum also diese Machtspielchen? Selbst meine Mutter redet jetzt auf uns ein, doch bitte auch noch auf keinen Fall in das Haus in Westend einzuziehen! Warum? Na…. falls wir das auch noch verkaufen müssten, um ihnen den Pflichtteil auszahlen zu können! Man weiß ja nie…

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Ich bin echt fassungslos über so viel Berechnung und Unverschämtheit! Sehe ich das Ganze zu emotional? Nehme ich es zu persönlich? Hört bei Geld wirklich einfach die „Freundschaft“ auf? Wie seht Ihr das? Habt Ihr schon mal ähnliche Erfahrungen gemacht?

Die Kündigung für unsere Mietwohnung haben wir übrigens heute abgeschickt! 😉

Kindergeburtstage und andere Katastrophen

 

Vorgestern war es mal wieder soweit: ein Kindergeburtstag stand an. Meine Tochter Carla wurde fünf! Da genau an ihrem Geburtstag das Wetter endlich richtig schön werden sollte, entschieden wir uns dafür im Garten zu feiern. Meine anderen beiden Kinder sind im Winter geboren, da geht das natürlich nicht. Einmal haben wir den Geburtstag meines Sohnes zu Hause gefeiert, sonst sind wir immer auf Indoorspielplätze, Kletterhallen oder Legoland ausgewichen. Das kostet Eintritt, Verpflegung und Nerven. Diesmal wollten wir keinen Stress! Geplant war also, dass die Kinder nach der Kita zu uns kommen und gegen 18:30 wieder abgeholt werden. Neben dem Gartentrampolin, unseren 16 Schildkröten und einem großen Planschbecken, sollte es nicht viele weitere Attraktionen geben.

[Ich muss an dieser Stelle zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht die Mutter bin, die gerne Geburtstagsspiele organisiert, ich graule mich regelrecht davor, und habe gleichzeitig immer ein schlechtes Gewissen deswegen. Ist es nicht das, was man eigentlich tun müsste? Macht man das nicht als gute Mutter am Geburtstag der Kinder? Meine hat es nie getan. Und niemand hat es je bei meinen Partys vermisst. Ich auch nicht. Wenn bei anderen Geburtstagen Spiele gemacht wurden, hat es mir aber auch immer Spaß gemacht. Ich kann also nicht von mir behaupten, dass ich jetzt einfach grundsätzlich der Typ bin, der so etwas nicht mag. Wenn es gemacht wird, ist es schön, wenn nicht, ist es genauso schön. Ideal wäre vielleicht jemand, der mir das abnimmt, eine Schwester, eine gute Freundin, der Papa…  – muss ich mir fürs nächste Mal organisieren – nur mit der Schwester wird´s schwierig, ich habe nämlich gar keine…]

Stress gab´s natürlich trotzdem. Geburtstage kommen nämlich, genau wie Weihnachten, immer so überraschend. Naja, diesmal war aber auch das Wetter schuld. Erst hieß es, es soll schlecht sein am Geburtstag, dachte ich also, wir feiern eh nach, dann sollte es nur am Geburtstag schön sein, am darauffolgenden Wochenende aber nicht. Ok, feiern wir also am Geburtstag – huch, der ist ja schon in vier Tagen! Dann musste aber natürlich vorher mit Carla geklärt werden, wer eingeladen wird. Als dies dann feststand, habe ich – drei Abende vorher – schnell alle per WhatsApp eingeladen. Fürs Einladungskartenbasteln blieb ja keine Zeit. Das Geschenk wurde über Amazon Prime bestellt, damit es auch garantiert rechtzeitig ankommen würde. Außerdem sollte noch eine Piñata her – ein bisschen Attraktion braucht man dann ja doch. Leider gab´s im Internet keine, die auch garantiert bis zu dem Tag (bzw. einen Tag vorher) geliefert werden würde, also musste ich eine besorgen, nach der Arbeit und ganz analog. Es war schon einen Tag vor der Party und der Laden hatte nur Piñatas ab 38€! Die waren zwar sehr schön, aber fast 40€ für etwas ausgeben, was dann nur zum Kaputtmachen gedacht ist, finde ich schon etwas überteuert. Nun ja, ich hatte keine Zeit für eine Alternative, und so kaufte ich die teure Piñata.

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Danach besorgte ich noch die Füllung, etwas zum Grillen, Getränke, … Am Abend, nachdem die Kinder im Bett waren und wohl schon von der Party träumten, stand ich dann bis 23:00 in der Küche und habe zwei Geburtstagskuchen gebacken – einen für die Kita, einen für die Feier am Nachmittag.

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Kaum setzte ich mich das erste Mal nach gefühlten 20 Stunden auf den Beinen hin, legte die Füße hoch, da fiel mir ein, dass ich ja noch das Geschenk einpacken musste, und so machte ich mich ans Werk…

Am nächsten Morgen stand ich extra früh auf (war Schlaf nicht sowieso überbewertet?), wollte mein Geburtstagskind wachküssen, das aber schon eine halbe Stunde im Wohnzimmer vor dem Fernseher saß und sein Geschenk aufmachen wollte. Ich wusste nicht recht, da ich es eigentlich immer schöner finde, wenn alle Kinder (also die Geschwister) mit dabei sind, aber die haben noch geschlafen. Ich sagte ihr also, sie solle mal kurz warten, in der Zeit zeigte ich ihr die leckeren Geburtstagskuchen, die ich extra für sie bis mitten in die Nacht gebacken hatte.

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Sie fing sofort an zu schreien, dass sie nicht zwei mit Smarties wollte sondern nur einen mit Smarties und einen mit Anna und Elsa!! Außerdem wolle sie endlich ihr Geschenk aufmachen – jetzt sofort! OK, ok, um sie zu beschwichtigen, erlaubte ich es ihr. Es waren Rollschuhe, also genau das, was sie sich gewünscht hatte. Sie freute sich! Und wollte sie natürlich sofort anprobieren. Ihr zu erklären, dass wir jetzt nicht so viel Zeit hätten, weil wir ja losmüssten zum Kindergarten und es überhaupt auch keine gute Idee sei, in der Wohnung Rollschuh zu laufen, war keine Option. Ich zog sie ihr also an. Da stand Carlos auf. Als er sah, dass sie ihr Geschenk bereits ohne sein Beisein geöffnet hatte, fing nun auch er an zu schreien und bekam schlechte Laune. Zuletzt war dann auch Emma wach. Ich überließ es meinem Schatz, die Kinder anzuziehen, während ich mich fertigmachte. Es meckerte und diskutierte aus dem Wohnzimmer. Carla weinte bitterlich, schrie sich dabei fast die Seele aus dem Leib und hörte gar nicht mehr auf. Der Grund? Sie wollte nicht einsehen, dass sie jetzt nicht mit Rollschuhen in die (10 km entfernte) Kita fahren durfte – zudem sie auch noch gar nicht Rollschuhlaufen konnte. Des lieben Friedens Willen gestattete ich es ihr schließlich, die Rollschuhe wenigstens anzulassen, während ich sie im Auto dorthin kutschierte. Wir kamen an: natürlich gab´s keinen Parkplatz in unmittelbarer Nähe der Kita, sondern eine Ecke weiter. Wir stiegen wir aus. Ich: in der einen Hand den Kuchen und die Tüte mit Carlas Straßenschuhen, an der anderen Carla, die doch SEEEHR wackelig auf den in Rollschuhen steckenden Beinen war (Mein Vorschlag, doch lieber die normalen Schuhe anzuziehen, wurde vehement angelehnt.), Emma, die Kleinste, lief heulend vor mir her. Heulend, weil sie auch an meine Hand wollte, ich aber keine mehr frei hatte. Kurz vor dem Kita-Eingang – Carla war da bereits mehrfach fast hingefallen, mehrere Eltern uns erschrocken ausgewichen, und mein Arm hatte schon nach 200 Metern einen schlimmen Muskelkater vom Ausbalancieren – willigte sie doch endlich ein, die anderen Schuhe anzuziehen. Während ich ihr schnaufend die Rollschuhe auszog, entwich mir ein „Ich hab´ doch gesagt, dass Du das noch nicht kannst“, daraufhin sie: „Na warum schenkt Ihr mir denn dann sowas überhaupt?!“

OOOOOHHHHHMMMMMM!!!!!!

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Wie laufen Eure Partys und deren Vorbereitungen so ab? Seid Ihr besser organisiert oder kommen die Geburtstage für Euch auch immer so überraschend? Wo feiert Ihr lieber? Auswärts oder zu Hause? Bastelt Ihr die Einladungen selbst, macht Ihr Partyspiele, oder mögt Ihr´s lieber gechillt? -soweit man das Wort überhaupt mit „Kindergeburtstag“ in Verbindung bringen kann. Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen!

Wir ziehen schon wieder um – oder: Hurra, ich werde wieder eine echte Westendmum !!!

Die Entscheidung steht seit gestern fest: wir ziehen wieder nach Westend! Das ist dann unser vierter Umzug in nur acht Jahren. Der letzte ist nicht einmal ein Jahr her… aber  sind zu viele Umzüge nicht schlecht für die Kinder?

Die meisten unserer Umzüge waren nicht wirklich freiwillig: der erste war von meiner 1-Zimmer-35m²-Single-Erdgeschoss-Wohnung in der Berliner Kantstraße in eine größere Wohnung am Stuttgarter Platz, also gleich um die Ecke. Der Grund war die Familiengründung: Mit Westenddad hatte ich einen neuen Partner an meiner Seite und ziemlich schnell auch ein kleines Baby. Etwas Größeres musste also her. Das Baby war zur Zeit des Umzugs gerade einmal ein halbes Jahr alt, wird den also gut verkraftet, bzw. nicht einmal richtig mitbekommen haben.

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Die neue Wohnung lag gleich um die Ecke, im vierten Stock ohne Fahrstuhl eines ziemlich heruntergekommenen Hauses am Stuttgarter Platz, direkt an einer beliebten Einkaufsstraße in 1A-Lage. Das Haus war deshalb so heruntergekommen, weil der Eigentümer pleite ging. Nach drei Jahren wurde es von Architekten sehr günstig erworben. Dann der Schock: Das Haus sollte luxussaniert werden. Es wurde sogar eine Reportage darüber gedreht: Luxus rein, Mieter raus? – Wenn Wohnen unbezahlbar wird (dass ich mich mit einer Sozialstation selbständig machen wollte, stimmt allerdings nicht, keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat; ich hatte damals lediglich bei meiner Tante als Bürokraft in einer solchen gejobbt, um mir das Studium zu finanzieren). Nach einem Jahr Baustelle hätte uns dann die Verdopplung der Miete erwartet. Außerdem sollte unsere Wohnung komplett umgebaut werden: im riesigen Schlafzimmer, das als Kinderzimmer unserer mittlerweile zwei Kinder gedacht war, sollte eine Wohnküche entstehen, die Noch-Küche wäre aber für beide Kinder definitiv zu klein, genau wie Carlos´ bisheriges Kinderzimmer. Wir mussten also raus.

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Nach 8-monatiger Suche fanden wir schließlich eine echte Traumwohnung: 142m² Altbau mit Fahrstuhl, direkt am Kaiserdamm in Berlin-Westend (da entstand übrigens auch der Blog) und vor allem bezahlbar – jedenfalls auf den ersten Blick… Erst bei der Mietvertragsunterzeichnung las ich im selbigen, dass es sich um eine Staffelmiete handelte. Was also tun? Weitere acht Monate Wohnungen suchen oder unterzeichnen und hoffen, unsere wirtschaftliche Lage würde sich der Staffelmiete anpassen? (Ich war ja noch Studentin, kurz vorm BA-Abschluss, die Aussicht, sich künftig finanziell zu verbessern, schien also nicht hoffnungslos.) Ersteres wäre wohl weise gewesen. Wir entschieden uns allerdings für Letzteres. Leider hatten die Vermieter (wohl absichtlich) einen viel zu niedrigen Monatsabschlag an Heiz- und Nebenkosten veranschlagt. Als die Abrechnung dann kam, waren wir geschockt: für das erste Jahr sollten wir satte 2.700€ nachzahlen, der monatliche Abschlag stieg um 200€! Im zweiten Jahr waren es dann immerhin noch 1.700€ Nachzahlung, der monatliche Abschlag stieg um weitere 100€. Wir waren also nach nur drei Jahren bei einer Warmmiete angekommen, die wir allein durch die Staffelung erst nach acht hätten erreichen sollen.

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Nur für die Miete zu arbeiten, macht keinen Spaß!

Also zogen wir letztes Jahr schweren Herzens die Konsequenzen und zogen um. Mittlerweile waren wir übrigens zu fünft. Da es in Berlin immer schwerer wird, eine schöne, bezahlbare Wohnung für fünf Personen (eine entsprechende Mindestgröße sollte also auch gegeben sein) zu finden, die vor allem auch noch zentral gelegen ist (wir bevorzugten Charlottenburg, Wilmersdorf oder Schöneberg, gerne auch die mittlerweile leider völlig überlaufenen und überteuerten Bezirke Kreuzberg oder Neukölln), wichen wir schließlich auf Spandau aus. Bitte nicht falsch verstehen: wir fühlen uns hier wirklich sehr wohl, und die Ecke in der wir gelandet sind (PLZ 13585, Richtung Hakenfelde), erinnert sehr an Berlin-Neukölln vor noch 10 Jahren: kleine türkische Läden, keine Hipster, keine fairtrade Soya-Latte mit Himbeergeschmack to go weit und breit… Es hat schon etwas Idyllisches… ABER: es ist natürlich ziemlich weit ab vom Schuss. Mir war das ursprünglich eigentlich nicht so wichtig, fahre ich doch eh ständig Auto – na und, dann fahr ich halt nicht 5 sondern 20 Minuten zum Kindergarten und zur Schule. Dennoch, gerade morgens machen die schon einen großen Unterschied und es herrscht regelmäßig Chaos. Noch mehr als früher in Westend. Ich muss mich immer noch an die neuen Dimensionen gewöhnen – oder muss ich das wirklich noch?

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Plötzlich war alles anders

Vor Kurzem sind meine Großeltern gestorben und ich habe ein Haus geerbt. Und ratet mal wo? Genau, in Westend! Wir ziehen also wieder um, sparen uns Miete, Zeit und Kilometer. Und ich werde wieder zu einer ECHTEN Westendmum! 🙂 Ich hoffe, danach kehrt dann so langsam etwas Ruhe bei uns ein – jedenfalls bis wir es dann umbauen lassen 😉 . Die Kinder freuen sich drauf, und um meine Anfangsfragestellung aufzugreifen, ob sie die vielen Umzüge gut verkraften: ich bin mir sogar sicher! Carlos meinte zwar, wir seien wohl ein bisschen verrückt, dass wir erst umziehen und dann nicht mal ein Jahr später gleich wieder umziehen, aber ihr soziales Umfeld hat sich ja nicht verändert: die Kita, eine deutsch-spanische, mit der wir wirklich sehr zufrieden sind, würden wir niemals gegen eine andere tauschen, und die Schule, auf die Carlos letztes Jahr wechselte (nachdem er in Spandau nicht genommen wurde!) ist eine auf verhaltensauffällige Kinder spezialisierte, auf der es nur sechs Plätze in ganz Charlottenburg-Wilmersdorf gibt, und die auch noch direkt um die Ecke des Hauses liegt, in das wir nun einziehen werden. Manchmal denke ich, das kann nicht alles Zufall gewesen sein, oder?

ADHS – Tabuthema Medikation

Kürzlich war ich auf einem Klassentreffen meiner alten Musicalschule in Hamburg. Mit einer ehemaligen Klassenkameradin unterhielt ich mich über unsere Kinder, es kam das Thema ADHS auf. Einer meiner alten Mitschüler, der die Konversation mithörte, warf belustigt ein, man solle ihm doch einfach Ritalin geben. Er meinte das als Scherz, als wäre es natürlich völlig absurd, es tatsächlich seinem Kind zu verabreichen. Damit sprach er etwas an, dass gerade unter Eltern (meist nicht Betroffener) als absolutes No-Go gehandelt wird: Wie kann man denn seinem Kind nur Medikamente geben?!

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ADHS und die Gesellschaft

Die meisten Leute sind wie gesagt nicht selber betroffen, haben keine wirkliche Ahnung von dem Leidensdruck, dem sowohl ADHS-Kinder als auch ihre Eltern ausgesetzt sind. Ich habe ja nun schon öfter über das Thema ADHS geschrieben und gehe sehr offensiv damit um, allerdings war das nicht immer so: anfangs habe ich mich sogar etwas dafür geschämt, hätte es den anderen Eltern der Grundschulklasse meines Sohnes  am liebsten verheimlicht, aus Scham und aus Angst davor, er würde dadurch vielleicht sogar von seinen Mitschülern, oder vor allem von deren Eltern, ausgegrenzt, wie er es selbst von seiner Lehrerin erfuhr, die ihn konsequent von allen außerschulischen Aktivitäten ausschloss, weshalb wir ihn schließlich von der Schule nahmen: „Den Carlos lädst du bitte nicht zu deinem Geburtstag ein, der hat ADHS. Wer weiß, ob der nicht völlig durchdreht/ alles kaputt macht/ bei Ermahnungen nicht auf uns hört/… .“ Unwissen schürt ja oft Angst. Angst vor dem Unbekannten. Das war schon immer so und ist wohl prinzipiell eher etwas Gutes, etwas das uns vor z.B. Angreifern oder anderen Feinden schützt. Beim Thema Kinder mit ADHS ist es aber gänzlich unangebracht, wenn auch vielleicht im ersten Moment nachvollziehbar. Klar würde ich auch lieber die braven Kinder bei mir zu Hause zu Gast wissen, als ein impulsives, hyperaktives, oft unberechenbar scheinendes Kind. Aber Ausgrenzung ist definitiv falsch und sogar kontraproduktiv. Mein Sohn macht oft „Quatsch“, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um zu gefallen, um akzeptiert zu werden und letztendlich Freunde zu gewinnen. Das ist ein sehr sensibles Thema bei uns. Er ist jetzt 8,5 Jahre alt und hatte erst einen guten Freund, jedoch ist leider auch diese Freundschaft irgendwann im Sande verlaufen als er die Schule wechselte und sich die beiden nicht mehr sahen. Ich habe probiert, Kontakt zu halten, aber es war schwer, das vor allem auch zeitlich zu arrangieren. Andere Kinder orientieren sich schnell um, knüpfen neue Freundschaften, doch für meinen Sohn ist das nicht so leicht.

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Der Leidensdruck ist groß

Nicht nur weil es meinem Sohn schwerfällt, Freunde zu finden, sondern weil er sich generell immer als „anders“ wahrnimmt, aber als anders im schlechteren Sinne. Er ist immer derjenige, der etwas nicht so gut kann (klar, weil er sich nicht konzentrieren kann), er ist immer derjenige, der den Unterricht stört und folglich ermahnt wird (klar, denn er ist impulsiv), er sieht sich oft als der, der immer Schuld hat. Selbst zu Hause bei Konflikten, wenn ich ihn frage, warum zum Teufel er denn jetzt wieder das oder das getan hat, äußert er Sätze wie „weil ich schlecht bin/ weil ich doof bin / weil ich scheiße bin“. Das tut mir weh, denn er ist absolut nicht doof oder „schlecht“. Er ist der liebenswerteste Junge, den ich kenne, das ist wirklich so. Er tut keiner Fliege was zu leide, hat einen super Humor und immer gute Laune – es sei denn es ist schon wieder zu einem Konflikt gekommen. Er hat ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, ist sehr loyal, teilt stets alles was er hat, egal ob Süßigkeiten oder andere Dinge, gerecht auf und ist äußerst hilfsbereit. Seine Lehrer haben bei unserer letzten Konferenz sogar gemeint, er sei der intelligenteste Junge in seiner Klasse, nur stehe er sich selber im Weg, bzw. das ADHS stehe ihm im Weg, weshalb er diese Ressource nicht nutzen könne. Er könne sich maximal 10 Minuten am Stück konzentrieren, was trotzdem hängen bleibt sei erstaunlich. Was drin wäre, wenn man das Konzentrationsvermögen steigern könnte, undenkbar.

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Medikation als Chance für die Kinder

Die Vorstellung, dass unser Sohn endlich einmal Erfolgserlebnisse haben könnte, sowohl was seine schulische Leistung wie auch seine sozialen Kompetenzen angeht, hat uns schließlich zu der Entscheidung gebracht, es doch noch einmal mit Medikamenten zu probieren. Wir hatten bereits vor ca. einem Jahr mit Medikinet (Wirkstoff: Methylphenidat) angefangen, jedoch waren die Nebenwirkungen es nicht wert, und so setzten wir es nach nur 2 Monaten wieder ab: Carlos litt unter Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, hatte Angstzustände und wirkte wie ausgeschaltet, teilweise sogar deprimiert. Wenn Eltern deshalb gegen Medikation sind, kann ich ihnen nur zustimmen, aber diese Nebenwirkungen sind von Kind zu Kind unterschiedlich. Die meisten vertragen ihre Medikamente sehr gut, und wenn nicht, dann kann und sollte man sie wieder absetzen. Selbstverständlich war die medizinische Behandlung nicht seine einzige Therapie: zusätzlich bekam Carlos Neurofeedback, eine Methode, mit der er mittels Sichtbarmachung der Gehirnströme mit Gedankenkraft, Dinge am Computermonitor bewegen konnte, so sollte er lernen, sich zu konzentrieren, und wie dies sich anfühlt, und er begann parallel dazu eine Verhaltenstherapie, die er immer noch macht. Außerdem hatte er endlich einen von nur 6 Plätzen an einer Schule, die auf Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten spezialisiert war, ergattert, auf die er nach den Sommerferien wechseln würde. So setzten wir das Medikinet schließlich ab. Alternative Medikamente wollten wir nicht, wir setzten die Hoffnung voll auf den Erfolg der anderen Therapien.

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Medikation als letzter Ausweg

Wir wollten keine Medikamente mehr. Bis jetzt. Ein Jahr später haben wir nun wieder damit begonnen, diesmal Ritalin (der Wirkstoff ist zwar der gleiche wie bei Medikinet, aber die zusätzlichen Stoffe leicht anders, was laut Jugendpsychiater auch eine Auswirkung auf die Verträglichkeit haben könnte, außerdem sei unser Sohn ja jetzt auch schon ein Jahr älter, was dabei wohl auch eine Rolle spiele). Vorher fanden viele Gespräche mit seinen Lehrern und Erziehern statt, sowie mit seinem Kinder- und Jugendpsychiater. Der Leidensdruck war teilweise unerträglich: es gibt immer mal bessere und schlechtere Wochen, aber es wurde wieder so schlimm, dass wir es nicht mehr aushielten: Carlos drehte nur noch durch, hielt sich an keine Regeln, provozierte nur noch, hörte auf nichts mehr was irgendjemand sagte, war ständig unruhig, zappelig und steckte damit natürlich die ganze Familie an, trat die Tür seiner Schule ein, etc., etc. … Ich bin ab 15:00 alleine mit den Kindern, habe noch zwei kleinere Töchter (3 und 4), die mich vom Alter her eigentlich noch mehr bräuchten als Carlos (8), denen ich aber einfach nicht mehr gerecht werden konnte. Ich war nur noch mit Carlos beschäftigt, war nur noch am Schreien, was mir ein zusätzlich schlechtes Gewissen bescherte. Ich war einfach richtig fertig und graulte ich vor jedem Abend mit den Kindern; meist fing es schon im Auto, auf der Fahrt nach Hause an. Ich musste ihn nur irgendwie frustrieren, was sehr leicht war (beispielsweise, wenn wir mal nicht mehr Einkaufen fahren mussten, er das aber unbedingt wollte), und schon tickte er völlig aus, schrie herum, beleidigte mich, ärgerte die Schwestern. Nach einem Jahr haben wir schließlich keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als es doch noch einmal mit Medikamenten zu probieren. Häufig empfinden vor allem die Kinder selbst es als unglaubliche Erleichterung: Endlich ist der innere Drang weg, sich ständig neue Reize zu suchen, endlich können auch sie sich mal auf etwas konzentrieren, ohne dass sie die summende Fliege in der anderen Zimmerecke oder der Bagger auf der Straße (den „normale“ Kinder nicht einmal wahrnehmen) ablenken. Und, ja, endlich haben auch sie mal die Chance dazu, ihre Ressourcen voll auszuschöpfen und Erfolgserlebnisse zu machen. Schade, dass man sich in unserer heutigen Gesellschaft für solch eine Entscheidung (die sich wohl keine Eltern leichtmachen) so sehr rechtfertigen muss!

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Zwei Seiten der Medaille: Verweigerung der Medikation als unterlassene Hilfeleistung?

Kann man die Verweigerung der Medikamentengabe nicht auch ganz anders werten, nämlich als unterlassene Hilfeleistung? Wenn ein Kind Bauch-, Kopf-, Zahnschmerzen, Fieber, Husten oder egal was hat, wird es sofort medikamentös behandelt, dann geben die Mütter gewissenhaft Hustensaft, Schmerz- und Fiebersaft und das ist alles gesellschaftlich vollkommen akzeptiert. Gibt man einem ADHS-Patienten aber Medikamente, löst das die wildesten Diskussionen aus. Heute bin ich auf einen Artikel in der FAZ aufmerksam gemacht worden, in der Prof. Dr. Andreas Reif, ein auf ADHS spezialisierter Psychiater, über das Thema schreibt („Rumzappeln ist kein Psychozeug“). Er hat mir eine ganz andere Ansichtsweise nähergebracht: er sagt nämlich, dass ADHS ganz eindeutig eine biologische Störung sei und leider viel zu viele Kranke unbehandelt blieben. Also statt den Einsatz von Medikamenten, allen voran Ritalin, zu verteufeln, sagt er ganz klar, dass es wichtig sei, mehr betroffene Kinder entsprechend früh damit zu behandeln, um das Risiko einzugrenzen, dass sie das ADHS auch ins Erwachsenenalter hinein begleitet. „Leider ist die Diskussion hier oft noch von Meinungen geprägt, da sich viele für berufen halten, etwas zu dem Thema beizusteuern – häufig allerdings ist die Lautstärke der Meinungsäußerungen zu der zugehörigen Evidenz umgekehrt proportional“, so Reif in dem Artikel.

Das hat mich natürlich in meiner Entscheidung bestärkt. Dennoch möchte ich mich jetzt keineswegs generell für oder gegen die Medikamentengabe bei ADHS aussprechen, ich möchte nur denjenigen, die dies tun, etwas zum Nachdenken geben bevor sie sich irgendwelche Urteile erlauben.