ADHS – Tabuthema Medikation

Kürzlich war ich auf einem Klassentreffen meiner alten Musicalschule in Hamburg. Mit einer ehemaligen Klassenkameradin unterhielt ich mich über unsere Kinder, es kam das Thema ADHS auf. Einer meiner alten Mitschüler, der die Konversation mithörte, warf belustigt ein, man solle ihm doch einfach Ritalin geben. Er meinte das als Scherz, als wäre es natürlich völlig absurd, es tatsächlich seinem Kind zu verabreichen. Damit sprach er etwas an, dass gerade unter Eltern (meist nicht Betroffener) als absolutes No-Go gehandelt wird: Wie kann man denn seinem Kind nur Medikamente geben?!

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ADHS und die Gesellschaft

Die meisten Leute sind wie gesagt nicht selber betroffen, haben keine wirkliche Ahnung von dem Leidensdruck, dem sowohl ADHS-Kinder als auch ihre Eltern ausgesetzt sind. Ich habe ja nun schon öfter über das Thema ADHS geschrieben und gehe sehr offensiv damit um, allerdings war das nicht immer so: anfangs habe ich mich sogar etwas dafür geschämt, hätte es den anderen Eltern der Grundschulklasse meines Sohnes  am liebsten verheimlicht, aus Scham und aus Angst davor, er würde dadurch vielleicht sogar von seinen Mitschülern, oder vor allem von deren Eltern, ausgegrenzt, wie er es selbst von seiner Lehrerin erfuhr, die ihn konsequent von allen außerschulischen Aktivitäten ausschloss, weshalb wir ihn schließlich von der Schule nahmen: „Den Carlos lädst du bitte nicht zu deinem Geburtstag ein, der hat ADHS. Wer weiß, ob der nicht völlig durchdreht/ alles kaputt macht/ bei Ermahnungen nicht auf uns hört/… .“ Unwissen schürt ja oft Angst. Angst vor dem Unbekannten. Das war schon immer so und ist wohl prinzipiell eher etwas Gutes, etwas das uns vor z.B. Angreifern oder anderen Feinden schützt. Beim Thema Kinder mit ADHS ist es aber gänzlich unangebracht, wenn auch vielleicht im ersten Moment nachvollziehbar. Klar würde ich auch lieber die braven Kinder bei mir zu Hause zu Gast wissen, als ein impulsives, hyperaktives, oft unberechenbar scheinendes Kind. Aber Ausgrenzung ist definitiv falsch und sogar kontraproduktiv. Mein Sohn macht oft „Quatsch“, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um zu gefallen, um akzeptiert zu werden und letztendlich Freunde zu gewinnen. Das ist ein sehr sensibles Thema bei uns. Er ist jetzt 8,5 Jahre alt und hatte erst einen guten Freund, jedoch ist leider auch diese Freundschaft irgendwann im Sande verlaufen als er die Schule wechselte und sich die beiden nicht mehr sahen. Ich habe probiert, Kontakt zu halten, aber es war schwer, das vor allem auch zeitlich zu arrangieren. Andere Kinder orientieren sich schnell um, knüpfen neue Freundschaften, doch für meinen Sohn ist das nicht so leicht.

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Der Leidensdruck ist groß

Nicht nur weil es meinem Sohn schwerfällt, Freunde zu finden, sondern weil er sich generell immer als „anders“ wahrnimmt, aber als anders im schlechteren Sinne. Er ist immer derjenige, der etwas nicht so gut kann (klar, weil er sich nicht konzentrieren kann), er ist immer derjenige, der den Unterricht stört und folglich ermahnt wird (klar, denn er ist impulsiv), er sieht sich oft als der, der immer Schuld hat. Selbst zu Hause bei Konflikten, wenn ich ihn frage, warum zum Teufel er denn jetzt wieder das oder das getan hat, äußert er Sätze wie „weil ich schlecht bin/ weil ich doof bin / weil ich scheiße bin“. Das tut mir weh, denn er ist absolut nicht doof oder „schlecht“. Er ist der liebenswerteste Junge, den ich kenne, das ist wirklich so. Er tut keiner Fliege was zu leide, hat einen super Humor und immer gute Laune – es sei denn es ist schon wieder zu einem Konflikt gekommen. Er hat ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, ist sehr loyal, teilt stets alles was er hat, egal ob Süßigkeiten oder andere Dinge, gerecht auf und ist äußerst hilfsbereit. Seine Lehrer haben bei unserer letzten Konferenz sogar gemeint, er sei der intelligenteste Junge in seiner Klasse, nur stehe er sich selber im Weg, bzw. das ADHS stehe ihm im Weg, weshalb er diese Ressource nicht nutzen könne. Er könne sich maximal 10 Minuten am Stück konzentrieren, was trotzdem hängen bleibt sei erstaunlich. Was drin wäre, wenn man das Konzentrationsvermögen steigern könnte, undenkbar.

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Medikation als Chance für die Kinder

Die Vorstellung, dass unser Sohn endlich einmal Erfolgserlebnisse haben könnte, sowohl was seine schulische Leistung wie auch seine sozialen Kompetenzen angeht, hat uns schließlich zu der Entscheidung gebracht, es doch noch einmal mit Medikamenten zu probieren. Wir hatten bereits vor ca. einem Jahr mit Medikinet (Wirkstoff: Methylphenidat) angefangen, jedoch waren die Nebenwirkungen es nicht wert, und so setzten wir es nach nur 2 Monaten wieder ab: Carlos litt unter Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, hatte Angstzustände und wirkte wie ausgeschaltet, teilweise sogar deprimiert. Wenn Eltern deshalb gegen Medikation sind, kann ich ihnen nur zustimmen, aber diese Nebenwirkungen sind von Kind zu Kind unterschiedlich. Die meisten vertragen ihre Medikamente sehr gut, und wenn nicht, dann kann und sollte man sie wieder absetzen. Selbstverständlich war die medizinische Behandlung nicht seine einzige Therapie: zusätzlich bekam Carlos Neurofeedback, eine Methode, mit der er mittels Sichtbarmachung der Gehirnströme mit Gedankenkraft, Dinge am Computermonitor bewegen konnte, so sollte er lernen, sich zu konzentrieren, und wie dies sich anfühlt, und er begann parallel dazu eine Verhaltenstherapie, die er immer noch macht. Außerdem hatte er endlich einen von nur 6 Plätzen an einer Schule, die auf Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten spezialisiert war, ergattert, auf die er nach den Sommerferien wechseln würde. So setzten wir das Medikinet schließlich ab. Alternative Medikamente wollten wir nicht, wir setzten die Hoffnung voll auf den Erfolg der anderen Therapien.

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Medikation als letzter Ausweg

Wir wollten keine Medikamente mehr. Bis jetzt. Ein Jahr später haben wir nun wieder damit begonnen, diesmal Ritalin (der Wirkstoff ist zwar der gleiche wie bei Medikinet, aber die zusätzlichen Stoffe leicht anders, was laut Jugendpsychiater auch eine Auswirkung auf die Verträglichkeit haben könnte, außerdem sei unser Sohn ja jetzt auch schon ein Jahr älter, was dabei wohl auch eine Rolle spiele). Vorher fanden viele Gespräche mit seinen Lehrern und Erziehern statt, sowie mit seinem Kinder- und Jugendpsychiater. Der Leidensdruck war teilweise unerträglich: es gibt immer mal bessere und schlechtere Wochen, aber es wurde wieder so schlimm, dass wir es nicht mehr aushielten: Carlos drehte nur noch durch, hielt sich an keine Regeln, provozierte nur noch, hörte auf nichts mehr was irgendjemand sagte, war ständig unruhig, zappelig und steckte damit natürlich die ganze Familie an, trat die Tür seiner Schule ein, etc., etc. … Ich bin ab 15:00 alleine mit den Kindern, habe noch zwei kleinere Töchter (3 und 4), die mich vom Alter her eigentlich noch mehr bräuchten als Carlos (8), denen ich aber einfach nicht mehr gerecht werden konnte. Ich war nur noch mit Carlos beschäftigt, war nur noch am Schreien, was mir ein zusätzlich schlechtes Gewissen bescherte. Ich war einfach richtig fertig und graulte ich vor jedem Abend mit den Kindern; meist fing es schon im Auto, auf der Fahrt nach Hause an. Ich musste ihn nur irgendwie frustrieren, was sehr leicht war (beispielsweise, wenn wir mal nicht mehr Einkaufen fahren mussten, er das aber unbedingt wollte), und schon tickte er völlig aus, schrie herum, beleidigte mich, ärgerte die Schwestern. Nach einem Jahr haben wir schließlich keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als es doch noch einmal mit Medikamenten zu probieren. Häufig empfinden vor allem die Kinder selbst es als unglaubliche Erleichterung: Endlich ist der innere Drang weg, sich ständig neue Reize zu suchen, endlich können auch sie sich mal auf etwas konzentrieren, ohne dass sie die summende Fliege in der anderen Zimmerecke oder der Bagger auf der Straße (den „normale“ Kinder nicht einmal wahrnehmen) ablenken. Und, ja, endlich haben auch sie mal die Chance dazu, ihre Ressourcen voll auszuschöpfen und Erfolgserlebnisse zu machen. Schade, dass man sich in unserer heutigen Gesellschaft für solch eine Entscheidung (die sich wohl keine Eltern leichtmachen) so sehr rechtfertigen muss!

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Zwei Seiten der Medaille: Verweigerung der Medikation als unterlassene Hilfeleistung?

Kann man die Verweigerung der Medikamentengabe nicht auch ganz anders werten, nämlich als unterlassene Hilfeleistung? Wenn ein Kind Bauch-, Kopf-, Zahnschmerzen, Fieber, Husten oder egal was hat, wird es sofort medikamentös behandelt, dann geben die Mütter gewissenhaft Hustensaft, Schmerz- und Fiebersaft und das ist alles gesellschaftlich vollkommen akzeptiert. Gibt man einem ADHS-Patienten aber Medikamente, löst das die wildesten Diskussionen aus. Heute bin ich auf einen Artikel in der FAZ aufmerksam gemacht worden, in der Prof. Dr. Andreas Reif, ein auf ADHS spezialisierter Psychiater, über das Thema schreibt („Rumzappeln ist kein Psychozeug“). Er hat mir eine ganz andere Ansichtsweise nähergebracht: er sagt nämlich, dass ADHS ganz eindeutig eine biologische Störung sei und leider viel zu viele Kranke unbehandelt blieben. Also statt den Einsatz von Medikamenten, allen voran Ritalin, zu verteufeln, sagt er ganz klar, dass es wichtig sei, mehr betroffene Kinder entsprechend früh damit zu behandeln, um das Risiko einzugrenzen, dass sie das ADHS auch ins Erwachsenenalter hinein begleitet. „Leider ist die Diskussion hier oft noch von Meinungen geprägt, da sich viele für berufen halten, etwas zu dem Thema beizusteuern – häufig allerdings ist die Lautstärke der Meinungsäußerungen zu der zugehörigen Evidenz umgekehrt proportional“, so Reif in dem Artikel.

Das hat mich natürlich in meiner Entscheidung bestärkt. Dennoch möchte ich mich jetzt keineswegs generell für oder gegen die Medikamentengabe bei ADHS aussprechen, ich möchte nur denjenigen, die dies tun, etwas zum Nachdenken geben bevor sie sich irgendwelche Urteile erlauben.

 

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Ein Kommentar zu „ADHS – Tabuthema Medikation

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