Mein Kind macht keinen Quatsch – mein Kind hat ADHS!!!

…ok, es macht natürlich schon Quatsch, sogar oft und viel, aber die Ursache dafür ist nicht etwa, dass es böse oder unerzogen ist, sondern dass es wirklich eine neurologische Störung hat. Im Dezember letzten Jahres wurde nun endlich das diagnostiziert, was wir eigentlich schon immer vermutet hatten: Carlos hat ADHS, ganz eindeutig, wie der Arzt meinte.

Die Diagnose ging über mehrere Termine, drei, glaube ich. Bei denen wurden mit ihm allerhand Spiele und Tests gemacht und im Endeffekt kam dann eben das heraus, was wir schon immer ahnten: ADHS. Komischerweise war die erste Reaktion Erleichterung, obwohl bei unserem Kind gerade eine Krankheit diagnostiziert wurde, aber endlich wusste ich, dass sein Verhalten weder normal (und ich nur völlig unbelastbar) noch meine Schuld, bzw. die meiner Erziehung war.

In einem früheren Gespräch mit der leitenden Kinderpsychiaterin aus dem SPZ (Sozialpädagogisches Zentrum) wurde uns auf unseren geäußerte Verdacht auf ADHS hin entgegnet, dass das ja gar nicht sein könne, da Carlos ja gerade so wunderbar ruhig im Hintergrund Playmobil gespielt hätte. Ja, das tat er auch, jedoch meinte der Arzt, der nun eben ADHS bei Carlos diagnostiziert hat, dass selbst Kinder mit ADHS sich sehr wohl für einen Zeitraum auf etwas das ihnen Spaß macht, konzentrieren können, und das also kein Gegenargument oder gar Ausschlusskriterium sei.

Wir wurden damals übrigens vom Kindergarten aus erstmals zum SPZ geschickt, weil Carlos gebissen und generell einfach ständig gestört hatte; da war er gerade einmal 3 Jahre alt. (Die Diagnose ADHS darf übrigens offiziell erst ab 6 Jahren gestellt werden.) Nach dem Gespräch mit der besagten Psychiaterin sollte nun entschieden werden, wie man Carlos am besten helfen könne. Er durchlief sowohl Tests bei der Logopädin wie auch bei einer Ergotherapeutin. Im Endeffekt entschied die Psychiaterin; also die, die ihn so ruhig beim Spielen erlebt hatte. Sie meinte, dass wohl eine Logopädin ihm am besten helfen könne, da bei ihm aufgrund der Zweisprachigkeit (Papa ist wie gesagt Spanier) sein Wortschatz noch nicht so ausgeprägt wie bei gleichaltrigen Kindern wäre, und er sich dadurch anscheinend mehr durch sein auffälliges Verhalten als verbal zu verständigen vermochte.

Klang einleuchtend, und so probierten wir es brav aus. Er ging fortan also wöchentlich zu einer Logopädin, in der Tat erweiterte sich sein Wortschatz, doch an seinem Verhalten änderte sich…. Tja, also eben rein gar nichts…

Bei unserem jährlichen Spanienurlaub bei der Familie wurde es sogar noch schlimmer. Carlos drehte regelrecht auf, wie ein junger Hund. Je mehr Leute kamen, desto mehr musste er sich durch sein unpassendes, auffälliges Verhalten profilieren. Es war so schlimm, dass ich den Entschluss fasste, ihn nach dem Urlaub doch zu einer Ergotherapie zu schicken. Ich hatte echte Hoffnung in die Therapie. Nun würde er endlich ruhiger werden, weniger Konflikte in der Kita verursachen und wir dadurch weniger mit den Erziehern und anderen Eltern haben. Alles würde sich normalisieren.

Was soll ich sagen?… er ging gerne in die Therapie, einmal die Woche, spielte, turnte und bastelte dort mal mehr, mal weniger begeistert mit, aber an seinem Verhalten änderte sich rein gar nichts.

Die Probleme in der Kita gingen weiter. Ich graulte mich vor Elternabenden, weil mir das Verhalten meines Sohnes den anderen Eltern gegenüber unangenehm war. Noch unangenehmer als die Hilflosigkeit (was soll ich denn bitte tun, wenn die Erzieher mich beim Abholen sprechen wollen und mir berichten, wie aufgebracht die Mutter von XY war, weil Carlos ihr Kind wieder einmal gebissen/ geschlagen/geärgert hatte), war der Zwiespalt in dem ich mich (teilweise bis heute) stets befand: einerseits kennst du dein Kind, weißt um seine „Eigenheiten“, und heißt vieler seiner Ausbrüche und Reaktionen natürlich nicht gut, gleichzeitig willst du es aber auch verteidigen, denn eines ist klar: völlig ohne „Grund“/ Auslöser wird er XY ganz sicher nicht gebissen/ geschlagen/geärgert haben, dennoch ist natürlich klar, dass das Verhalten, das es an den Tag legt gelegt hat) inakzeptable ist, aber man muss, finde ich immer, den Gesamtkonflikt sehen. Was war das für eine Situation aus der der Konflikt entstand? Ein Kind, gerade eines mit ADHS, kann in einer Konfliktsituation nämlich nicht reflektieren, innehalten und cool bleiben und das jeweilige Problem ausdiskutieren, ein Kind, gerade eines mit ADHS, wird in einer Konfliktsituation auch nicht sofort den nächsten potenziellen Streitschlichter/ Konfliktlöser (also einen Erzieher oder Lehrer oder die Eltern) aufsuchen. Nein, ein Kind, vor allem eines mit ADHS, wird in den allermeisten Fällen impulsiv und unüberlegt reagieren und dabei womöglich über die Stränge schlagen, weil es seine eigenen Grenzen, Stärke und die der anderen eben nicht adäquat einzuschätzen vermag, weil sein Nervensystem eben nicht dazu in der Lage ist, Reize, die entsprechende Gefühle auslösen, adäquat zu filtern. So wie bei Babys, die genauso sehr weinen, wenn ihnen die Mama wegläuft, wie wenn jemand ihnen ihren Schnuller klaut. Durch den ständigen Dopaminmangel im Gehirn stürmen die Reize ungefiltert auf das Kind ein und können nicht richtig verarbeitet werden. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führt dies dazu, „dass es den Kindern schwerfällt, ihren Bewegungsdrang, ihre Gefühle und ihre Aufmerksamkeit zu kontrollieren. Aus diesem Grund spricht man von einer verminderten Fähigkeit zur Selbststeuerung“. Ein ADHS-Kind reagiert also weitaus empfindlicher und konsequenterweise auch umso stärker auf die stärker gefühlten Reize. Dieses Nicht-Filtern-Können der jeweiligen Reize, die ja ständig auf uns einprasseln, führt auch zu der überaus leichten Ablenkbarkeit dieser Kinder und der Konzentrationsschwäche, sprich, dem „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“. Kommt dann noch die Hyperaktivität hinzu, ist das Chaos perfekt! 😉

Tragisch sind auch die möglichen Begleiterscheinung des ADHS für die Kinder: da oft ihre (fein-)motorischen Fähigkeiten nicht so ausgeprägt sind wie die der anderen Kinder, und es natürlich am nötigen Konzentrationsvermögen hapert, können sie viele Aufgaben nicht in der gleichen Qualität lösen wie ihre gleichaltrigen Mitschüler/“Mitkindergartenkinder“, obwohl sie von der Intelligenz dazu eigentlich sehr wohl in der Lage wären (die ist nämlich genau wie bei dem „normalen“ Durchschnittskind ohne Verhaltensauffälligkeiten), und ab und zu kratzt das natürlich dann auch am Selbstbewusstsein und kann sich sogar aufs Selbstwertgefühl auswirken. Bei meinem Sohn kam hinzu, dass er auch noch der jüngste in seiner Kita-Gruppe war. In der Gruppe waren nur Kinder, die 2008 geboren waren, er aber ist im Januar 2009 geboren, durfte also gerade noch mit hinein (es war der einzig freie Platz in seiner Altersstufe als wir einen Kitaplatz gesucht hatten). Eine weitere drohende Begleiterscheinung von ADHS-Kindern ist die Außenseiterrolle: da sie (gefühlt) immer ärgern und oft überreagieren, möchte niemand mit ihnen spielen und sie werden ausgegrenzt. Ich kann mich besonders an eine Situation mit meinem Sohn erinnern in der er nach dem Kindergarten anfing zu weinen und mir sagte, er wolle nicht mehr dorthin gehen (er hat übrigens nie gefremdelt, ging stets mit Begeisterung in die Kita und versteckte sich regelmäßig als ich oder sein Papa ihn von dort abholen kamen, weil er nicht mit nach Hause, sondern lieber weiterspielen wollte), weil alle ihn dort ärgern und keiner „sein Freund“ sein will. In einem Gespräch mit seiner Erzieherin verriet diese mir, dass er sich (von sich aus- was er sonst nie tat!) im Morgenkreis meldete und sagte, dass er einen Freund haben möchte und traurig ist, dass nie jemand mit ihm spielen wolle und alle ihn immer ärgern würden. Ich konnte in dem Moment meine Tränen nicht mehr zurückhalten (sie übrigens auch nicht), so leid tat mir mein Kleiner (damals gerade mal 4 Jahre alt). Da die Gruppe aber größtenteils aus tollen, verständnisvollen Eltern (und Erziehern) bestand, wurde er niemals ausgegrenzt, durfte immer an allen Gruppenaktivitäten (Ausflügen, etc…) teilnehmen und wurde auch zu einigen Geburtstagen eingeladen.

Als die 2008er Kinder dann eingeschult wurden, kam er in eine altersgemischte Gruppe in der gleichen Kita. Anfangs war ich nicht begeistert, aber erstaunlicherweise erging es ihm da viel besser. Er war nun der älteste seiner Gruppe, die Kleineren schauten zu ihm auf, er konnte beeindrucken und hatte Freunde. Da er sehr einfallsreich und kreativ ist und immer die „besten“ Spielideen hatte, wollten alle mit ihm spielen. Sein neuer Erzieher und er verstanden sich auch super (bis heute), er war wirklich entspannt. Natürlich gab es auch in dieser Gruppe mal Probleme mit ihm, jedoch immer wenn mir der Erzieher davon berichtete, tat er es stets mit einem Augenzwinkern und der Bemerkung („…pero son niños“ – „Kinder halt…“).

Mit der Einschulung öffnete sich dann aber ein anderes Kapitel… Fortsetzung folgt nächste Woche!

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2 Kommentare zu „Mein Kind macht keinen Quatsch – mein Kind hat ADHS!!!

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