ADHS – nur eine Erfindung der Pharmaindustrie?!

Immer häufiger höre ich in letzter Zeit, dass es ADHS ja eigentlich gar nicht gibt, sondern dass diese angebliche Störung eine reine Erfindung der Pharmaindustrie sei. Nein, ich höre das nicht von Ärzten oder Therapeuten. Ich höre es von mir mehr oder weniger bekannten Leuten: Nachbarn, Freunde von Freunden, Eltern anderer Kinder aus der Kita. Meist, eigentlich immer,  ungefragt. Besagte Leute haben entweder keine oder keine betroffenen Kinder. Ihre gängigsten Argumente gegen ADHS als „echte“ Störung sind,

  1. dass es diese Diagnose früher ja auch nicht gab, wozu also nun der Hype? – Auf welches Kindergarten- oder Grundschulkind träfen die Symptome denn bitte nicht zu: oft unaufmerksam, leicht ablenkbar, impulsiv, zappelig, …
  2. Das Kind sei bloß nicht ausgelastet, es müsse dringend in den Sportverein/ Schwimmverein, zum Tanzen/ den Pfadfindern oder sonst etwas
  3. Oder wir erziehen es einfach falsch: sind nicht konsequent genug, hätten keine klare Regeln, zu wenig Struktur. Sobald es wieder „Quatsch“ macht, sollen wir es ein Mal ums Haus rennen lassen o.ä.

Da es ADHS als solches also angeblich gar nicht gibt, seien Medikamente dagegen sowieso das allerletzte. Und gefährlichst darüber hinaus, obendrein machen sie ja auch noch süchtig! Und die vielen unerforschten Nebenwirkungen…. „Also wir würden so etwas für unser Kind ja NIE in Erwägung ziehen!“, beteuern sie selbstgefällig. Immer wieder höre ich (meist von meinem Partner), dass die besagten Leute (die mir oftmals völlig unbekannt sind) „mal mit mir reden wollen“. Mit mir, einer erfahrenen, geplagten, sich und das betroffene (oder in deren Augen eben nicht betroffene) Kind schon durch alle möglichen Therapien gejagten ADHS-Mama. Diese Leute meinen es nur gut. Sie machen sich Sorgen. Vor allem was die Medikamentengabe angeht. Wenn sie unseren Sohn mal einen Nachmittag „erleben“, heißt es „Du, aber so schlimm finde ich den jetzt gar nicht“.

Bitte, liebe Leute, informiert Euch bevor Ihr schlaue Dinge von Euch geben wollt. Vertraut mir: wir sind seit Jahren bestens über ADHS informiert und kennen uns höchstwahrscheinlich besser damit aus als Ihr. Wir haben uns die Entscheidung für Ritalin wahrlich nicht leicht gemacht, haben gründlich Für und Wider abgewogen, und uns letztendlich nach jahrelangem erheblichem Leidensdruck bei uns, unserer Familie und ganz besonders natürlich unserem Sohn dafür entschieden. Natürlich hatten wir davor zahlreiche (relativ erfolglose) Therapien durch- (und jede einzelne sogar zu Ende) probiert: Logopädie, Ergotherapie, Neurofeedback, eine Gruppentherapie; wir mussten zahlreiche Termine bei Fachärzten, in sozialpädagogischen Zentren, der Erziehungsberatung und dem Jugendamt, sowie mehrere Klassenkonferenzen über uns ergehen lassen. (Hatte ich erwähnt, dass wir nebenbei auch noch zwei KLEINERE Töchter haben, um die wir uns kümmern müssen?!)

Natürlich ist die Medikamentengabe allein nicht ausreichend, weshalb unser Sohn begleitend eine Verhaltenstherapie macht, außerdem nimmt er an einem speziellen Schulprojekt für verhaltensauffällige Kinder teil. Er war auf einer Regelschule (trotz Integrationsstatus und Sonderpädagoge) nicht beschulungsfähig, und selbst im Rahmen des besagten Projektes, wo individuell auf ihn eingegangen werden kann, wo er, sobald er sich nicht mehr konzentrieren kann (trotz Medikament), mit einem Erzieher nach draußen in den Wald oder Kettcar fahren darf, ist es für ihn nicht leicht. Was den Schulstoff angeht, hinkt er Gleichaltrigen klar ein Jahr hinterher. Im Sport- oder Schwimmunterricht ist er hingegen überdurchschnittlich gut. Dennoch sind unsere Versuche, ihn für Sportvereine/ Mannschaftssport zu begeistern, jedes Mal beim Probetraining gescheitert – nicht etwa weil er es nicht könnte oder wollte, sondern weil ADHS-Kinder sich „wenn´s drauf ankommt“ oft einfach nicht trauen mitzumachen, weil ihnen das Selbstbewusstsein dazu fehlt, weil sie sich nunmal nicht so gut wie andere Kinder konzentrieren können und daher von frühester Kindheit an erleben mussten, dass alle anderen immer alles besser als sie können.

Sport (allein) hilft also nicht. Auch Strukturen, klare Regeln und Konsequenz helfen nur bedingt: sicher wirkt sich ein solch strukturierter Erziehungsstil generell positiv auf Kinder aus und ist gerade für ADHS-Betroffene sehr förderlich, aber gegen die Ursachen und deren Symptome hilft es nicht. Das AufmerksamkeitsDefizit(Hyperaktivität)Syndrom ist im Grunde eine Stoffwechselstörung:

„ADHS ist eine neurobiologische Störung, die mit einer Veränderung der Botenstoffe einhergeht. Hier sind besonders die Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin betroffen. Mit wissenschaftlichen Untersuchungen (Kernspintomographie, SPECT und PET) konnte nachgewiesen werden, dass Menschen mit ADHS neurochemische und neurobiologische Besonderheiten aufweisen.

So fand man heraus, dass in den vorderen Hirnabschnitten bei ADHS weniger Blutzucker verbraucht und auch das Gehirn weniger durchblutet wird. Weiterhin konnte man eine Erhöhung der Dopamintransporter finden und eine genetische Veränderung im Dopamintransportergen, was beides einen schnelleren Abbau von Dopamin im Gehirn zur Folge hat. Auch zeigte sich eine geringere Aktivierung der rechten vorderen Hirnregion.“

(ADHS-Expertin Dr. Myriam Bea im Stadt Land Mama – Interview)

Durch den ständigen Dopaminmangel im Gehirn strömen die Reize ungefiltert auf das Kind ein und können nicht richtig verarbeitet werden. Medikamente auf Methylphenidatbasis wie Ritalin (es gibt auch noch andere Wirkstoffe, mit denen wir aber keine Erfahrung haben) greifen genau dort ein. Sie wirken am synaptischen Spalt: Methylphenidat bewirkt im Grunde nichts anderes, als dass das Dopamin länger im Nervensystem bleibt, was bewirkt, dass sich die Betroffenen besser konzentrieren / länger auf etwas fokussieren können und insgesamt ausgeglichener und mehr „bei sich“ sind. Ich bin nicht generell für Medikamentengabe, aber wie bei allem müssen auch bei der Entscheidung über ADHS-Medikation Nutzen und Lasten gründlich abgewogen werden.

Natürlich gab es ADHS schon immer, auch lange bevor es die offizielle Diagnose gab. (Die Erde war ja auch keine Scheibe bevor Galileo das Gegenteil bewiesen hatte, oder?) Sprich: auch bevor es erforscht war. Sprich: auch vor hundert, zweihundert, fünfhundert Jahren. Sicher war es damals für die Betroffenen und deren Umfeld genauso „anstrengend“ wie heute, ABER: die Gesellschaft von heute hat sich gegenüber der von vor über hundert Jahren, ja sogar gegenüber der von vor fünfzig Jahren, weiterentwickelt. Immer mehr Jugendliche machen Abitur. Ohne geht heute fast nichts mehr. Wir leben in einer „Leistungsgesellschaft“, in ständigem Wettbewerb, wir müssen uns, um in ihr bestehen zu können, gewissen Normen anpassen. Das fängt schon bei der Versetzung in der Schule an. Es ist tragisch, denn ADHS-Kinder sind erwiesenermaßen nicht weniger intelligent als Nicht-Betroffene. Sie können sich nur nicht so gut konzentrieren, machen viel schneller und viel häufiger Flüchtigkeitsfehler. Sie können im Klassenraum nicht auf ihrem Platz sitzen bleiben, sondern klettern auf oder krabbeln unter den Tisch, stören den Unterricht, spielen den Clown. Lernen kostet sie viel mehr Disziplin. Disziplin, die sie allein nicht aufbringen können.  Im schlimmsten Fall werden sie sogar zum Außenseiter, denn impulsiv (und manchmal unberechenbar) sind sie auch. Obwohl sie Freundschaften schließen wollen, legen sie teilweise Verhalten an den Tag, das das Gegenteil bewirkt. Dafür können sie nichts. Ihre Impulsivität lässt sich nicht kontrollieren. Sie zappeln die ganze Zeit herum. Allein das Zusehen ist anstrengend. Wie soll es dann für die armen Kinder selbst sein? Würdet Ihr, liebe Nicht-Betroffene, vor diesem Hintergrund nicht vielleicht doch Medikamente für Euer ADHS-Kind in Erwägung ziehen? Sie machen, bei bestimmungsgemäßem Gebrauch, übrigens nicht süchtig. Und was die Nebenwirkungen angeht: Ihr könnt die Pillen auch immer wieder absetzen, sollte sie Euer Kind nicht gut vertragen. Das haben wir beim Medikinet auch (lest hier). Die Nebenwirkungen/Langzeitschädigungen von nichtbehandeltem ADHS sollen übrigens viel schlimmer sein.

Zeigen nicht alle Kinder die typischen Symptome?

Alle kleinen Kinder sind mehr oder weniger zappelig, unaufmerksam, ungeschickt oder leicht ablenkbar, sie spielen gern mal den Clown, machen Quatsch und provozieren, aber als erfahrene ADHS-und Dreifach-Mama kann ich sagen, die Unterschiede zwischen meinem Sohn (ADHS) und seinen beiden kleineren Schwestern (nicht ADHS) sind eindeutig. Wie oben beschrieben liegen schon die Ursachen ihres Verhaltens ganz woanders, bei ADHS-Betroffenen nämlich im Produkt dieser neurobiologischen Störung. Nicht im Mal-Überdreht-Sein und Über-Die-Stränge-Schlagen. Ich merke richtig, wie sich mein Sohn häufig selbst im Weg steht, oft einfach nicht anders reagieren KANN. (Mein Umgang damit als Elternteil ist da wieder eine andere Herausforderung.)

Modekrankheit ADHS?

Offiziell leiden rund 5% aller Kinder in Deutschland an ADHS, nicht fünfzig, wie manche meinen würden. Die Diagnose über ADHS muss ein Facharzt stellen – keine Lehrer, Erzieher oder (andere) Eltern. Offiziell ist eine solche Diagnose übrigens erst ab sechs Jahren erlaubt. Sie erfolgt in mehreren unterschiedlichen Tests, die über einige Wochen laufen, so dass besonders schlechte oder auch gute Tage relativiert werden und nicht das Ergebnis verfälschen. Merke: Ist Euer Kind oft unruhig und impulsiv, hat es nicht automatisch ADHS, seid Ihr öfters mal antriebsarm und niedergeschlagen, habt Ihr ja auch nicht gleich ne Depression. Seid Ihr Euch nicht sicher, ob es sich bei Eurem Kind um ADHS handelt, empfehle ich den Vergleich mit „echten“ Wehen:  wenn Ihr Euch ihrer „Echtheit“ nicht sicher seid, dann sind es meist auch keine. Und – ganz wichtig – haltet Euch bitte mit ungefragten (wenn auch gutgemeinten) Ratschlägen und Kommentaren gegenüber betroffenen Familien zurück, insbesondere wenn Ihr diese nicht einmal persönlich kennt und weder Medizin studiert habt noch selber betroffen seid. Denn damit zweifelt Ihr deren Integrität und Kompetenz auf diesem Gebiet an und bevormundet sie.

Zu guter Letzt möchte ich hier auch noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass ADHS nicht nur negativ sein muss, Kinder mit dieser neurobiologischen Störung haben auch ganz besondere Fähigkeiten, die andere nicht haben: sie nehmen Dinge wahr, die andere nicht wahrnehmen und alles viel mehr, hören das Summen einer Fliege im Klassenraum genauso deutlich wie den Lehrer, der vorne steht. Sie sind wahnsinnig kreativ, liebevoll, hilfsbereit, spontan, lustig, offen, einsatzbereit, nie nachtragend. ADHSler sind Visionäre, Macher und Zugpferde, vorausgesetzt sie sind an einem Platz, an dem man sie so sein lässt und schätzt wie sie sind, und um dorthin zu kommen und dieses Selbstbewusstsein aufbauen zu können, sollte man ihnen alles Entwicklungsfördernde zur Verfügung stellen. Das ist unsere Aufgabe als Eltern.

 

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ADHS – Tabuthema Medikation

Kürzlich war ich auf einem Klassentreffen meiner alten Musicalschule in Hamburg. Mit einer ehemaligen Klassenkameradin unterhielt ich mich über unsere Kinder, es kam das Thema ADHS auf. Einer meiner alten Mitschüler, der die Konversation mithörte, warf belustigt ein, man solle ihm doch einfach Ritalin geben. Er meinte das als Scherz, als wäre es natürlich völlig absurd, es tatsächlich seinem Kind zu verabreichen. Damit sprach er etwas an, dass gerade unter Eltern (meist nicht Betroffener) als absolutes No-Go gehandelt wird: Wie kann man denn seinem Kind nur Medikamente geben?!

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ADHS und die Gesellschaft

Die meisten Leute sind wie gesagt nicht selber betroffen, haben keine wirkliche Ahnung von dem Leidensdruck, dem sowohl ADHS-Kinder als auch ihre Eltern ausgesetzt sind. Ich habe ja nun schon öfter über das Thema ADHS geschrieben und gehe sehr offensiv damit um, allerdings war das nicht immer so: anfangs habe ich mich sogar etwas dafür geschämt, hätte es den anderen Eltern der Grundschulklasse meines Sohnes  am liebsten verheimlicht, aus Scham und aus Angst davor, er würde dadurch vielleicht sogar von seinen Mitschülern, oder vor allem von deren Eltern, ausgegrenzt, wie er es selbst von seiner Lehrerin erfuhr, die ihn konsequent von allen außerschulischen Aktivitäten ausschloss, weshalb wir ihn schließlich von der Schule nahmen: „Den Carlos lädst du bitte nicht zu deinem Geburtstag ein, der hat ADHS. Wer weiß, ob der nicht völlig durchdreht/ alles kaputt macht/ bei Ermahnungen nicht auf uns hört/… .“ Unwissen schürt ja oft Angst. Angst vor dem Unbekannten. Das war schon immer so und ist wohl prinzipiell eher etwas Gutes, etwas das uns vor z.B. Angreifern oder anderen Feinden schützt. Beim Thema Kinder mit ADHS ist es aber gänzlich unangebracht, wenn auch vielleicht im ersten Moment nachvollziehbar. Klar würde ich auch lieber die braven Kinder bei mir zu Hause zu Gast wissen, als ein impulsives, hyperaktives, oft unberechenbar scheinendes Kind. Aber Ausgrenzung ist definitiv falsch und sogar kontraproduktiv. Mein Sohn macht oft „Quatsch“, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um zu gefallen, um akzeptiert zu werden und letztendlich Freunde zu gewinnen. Das ist ein sehr sensibles Thema bei uns. Er ist jetzt 8,5 Jahre alt und hatte erst einen guten Freund, jedoch ist leider auch diese Freundschaft irgendwann im Sande verlaufen als er die Schule wechselte und sich die beiden nicht mehr sahen. Ich habe probiert, Kontakt zu halten, aber es war schwer, das vor allem auch zeitlich zu arrangieren. Andere Kinder orientieren sich schnell um, knüpfen neue Freundschaften, doch für meinen Sohn ist das nicht so leicht.

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Der Leidensdruck ist groß

Nicht nur weil es meinem Sohn schwerfällt, Freunde zu finden, sondern weil er sich generell immer als „anders“ wahrnimmt, aber als anders im schlechteren Sinne. Er ist immer derjenige, der etwas nicht so gut kann (klar, weil er sich nicht konzentrieren kann), er ist immer derjenige, der den Unterricht stört und folglich ermahnt wird (klar, denn er ist impulsiv), er sieht sich oft als der, der immer Schuld hat. Selbst zu Hause bei Konflikten, wenn ich ihn frage, warum zum Teufel er denn jetzt wieder das oder das getan hat, äußert er Sätze wie „weil ich schlecht bin/ weil ich doof bin / weil ich scheiße bin“. Das tut mir weh, denn er ist absolut nicht doof oder „schlecht“. Er ist der liebenswerteste Junge, den ich kenne, das ist wirklich so. Er tut keiner Fliege was zu leide, hat einen super Humor und immer gute Laune – es sei denn es ist schon wieder zu einem Konflikt gekommen. Er hat ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, ist sehr loyal, teilt stets alles was er hat, egal ob Süßigkeiten oder andere Dinge, gerecht auf und ist äußerst hilfsbereit. Seine Lehrer haben bei unserer letzten Konferenz sogar gemeint, er sei der intelligenteste Junge in seiner Klasse, nur stehe er sich selber im Weg, bzw. das ADHS stehe ihm im Weg, weshalb er diese Ressource nicht nutzen könne. Er könne sich maximal 10 Minuten am Stück konzentrieren, was trotzdem hängen bleibt sei erstaunlich. Was drin wäre, wenn man das Konzentrationsvermögen steigern könnte, undenkbar.

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Medikation als Chance für die Kinder

Die Vorstellung, dass unser Sohn endlich einmal Erfolgserlebnisse haben könnte, sowohl was seine schulische Leistung wie auch seine sozialen Kompetenzen angeht, hat uns schließlich zu der Entscheidung gebracht, es doch noch einmal mit Medikamenten zu probieren. Wir hatten bereits vor ca. einem Jahr mit Medikinet (Wirkstoff: Methylphenidat) angefangen, jedoch waren die Nebenwirkungen es nicht wert, und so setzten wir es nach nur 2 Monaten wieder ab: Carlos litt unter Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, hatte Angstzustände und wirkte wie ausgeschaltet, teilweise sogar deprimiert. Wenn Eltern deshalb gegen Medikation sind, kann ich ihnen nur zustimmen, aber diese Nebenwirkungen sind von Kind zu Kind unterschiedlich. Die meisten vertragen ihre Medikamente sehr gut, und wenn nicht, dann kann und sollte man sie wieder absetzen. Selbstverständlich war die medizinische Behandlung nicht seine einzige Therapie: zusätzlich bekam Carlos Neurofeedback, eine Methode, mit der er mittels Sichtbarmachung der Gehirnströme mit Gedankenkraft, Dinge am Computermonitor bewegen konnte, so sollte er lernen, sich zu konzentrieren, und wie dies sich anfühlt, und er begann parallel dazu eine Verhaltenstherapie, die er immer noch macht. Außerdem hatte er endlich einen von nur 6 Plätzen an einer Schule, die auf Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten spezialisiert war, ergattert, auf die er nach den Sommerferien wechseln würde. So setzten wir das Medikinet schließlich ab. Alternative Medikamente wollten wir nicht, wir setzten die Hoffnung voll auf den Erfolg der anderen Therapien.

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Medikation als letzter Ausweg

Wir wollten keine Medikamente mehr. Bis jetzt. Ein Jahr später haben wir nun wieder damit begonnen, diesmal Ritalin (der Wirkstoff ist zwar der gleiche wie bei Medikinet, aber die zusätzlichen Stoffe leicht anders, was laut Jugendpsychiater auch eine Auswirkung auf die Verträglichkeit haben könnte, außerdem sei unser Sohn ja jetzt auch schon ein Jahr älter, was dabei wohl auch eine Rolle spiele). Vorher fanden viele Gespräche mit seinen Lehrern und Erziehern statt, sowie mit seinem Kinder- und Jugendpsychiater. Der Leidensdruck war teilweise unerträglich: es gibt immer mal bessere und schlechtere Wochen, aber es wurde wieder so schlimm, dass wir es nicht mehr aushielten: Carlos drehte nur noch durch, hielt sich an keine Regeln, provozierte nur noch, hörte auf nichts mehr was irgendjemand sagte, war ständig unruhig, zappelig und steckte damit natürlich die ganze Familie an, trat die Tür seiner Schule ein, etc., etc. … Ich bin ab 15:00 alleine mit den Kindern, habe noch zwei kleinere Töchter (3 und 4), die mich vom Alter her eigentlich noch mehr bräuchten als Carlos (8), denen ich aber einfach nicht mehr gerecht werden konnte. Ich war nur noch mit Carlos beschäftigt, war nur noch am Schreien, was mir ein zusätzlich schlechtes Gewissen bescherte. Ich war einfach richtig fertig und graulte ich vor jedem Abend mit den Kindern; meist fing es schon im Auto, auf der Fahrt nach Hause an. Ich musste ihn nur irgendwie frustrieren, was sehr leicht war (beispielsweise, wenn wir mal nicht mehr Einkaufen fahren mussten, er das aber unbedingt wollte), und schon tickte er völlig aus, schrie herum, beleidigte mich, ärgerte die Schwestern. Nach einem Jahr haben wir schließlich keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als es doch noch einmal mit Medikamenten zu probieren. Häufig empfinden vor allem die Kinder selbst es als unglaubliche Erleichterung: Endlich ist der innere Drang weg, sich ständig neue Reize zu suchen, endlich können auch sie sich mal auf etwas konzentrieren, ohne dass sie die summende Fliege in der anderen Zimmerecke oder der Bagger auf der Straße (den „normale“ Kinder nicht einmal wahrnehmen) ablenken. Und, ja, endlich haben auch sie mal die Chance dazu, ihre Ressourcen voll auszuschöpfen und Erfolgserlebnisse zu machen. Schade, dass man sich in unserer heutigen Gesellschaft für solch eine Entscheidung (die sich wohl keine Eltern leichtmachen) so sehr rechtfertigen muss!

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Zwei Seiten der Medaille: Verweigerung der Medikation als unterlassene Hilfeleistung?

Kann man die Verweigerung der Medikamentengabe nicht auch ganz anders werten, nämlich als unterlassene Hilfeleistung? Wenn ein Kind Bauch-, Kopf-, Zahnschmerzen, Fieber, Husten oder egal was hat, wird es sofort medikamentös behandelt, dann geben die Mütter gewissenhaft Hustensaft, Schmerz- und Fiebersaft und das ist alles gesellschaftlich vollkommen akzeptiert. Gibt man einem ADHS-Patienten aber Medikamente, löst das die wildesten Diskussionen aus. Heute bin ich auf einen Artikel in der FAZ aufmerksam gemacht worden, in der Prof. Dr. Andreas Reif, ein auf ADHS spezialisierter Psychiater, über das Thema schreibt („Rumzappeln ist kein Psychozeug“). Er hat mir eine ganz andere Ansichtsweise nähergebracht: er sagt nämlich, dass ADHS ganz eindeutig eine biologische Störung sei und leider viel zu viele Kranke unbehandelt blieben. Also statt den Einsatz von Medikamenten, allen voran Ritalin, zu verteufeln, sagt er ganz klar, dass es wichtig sei, mehr betroffene Kinder entsprechend früh damit zu behandeln, um das Risiko einzugrenzen, dass sie das ADHS auch ins Erwachsenenalter hinein begleitet. „Leider ist die Diskussion hier oft noch von Meinungen geprägt, da sich viele für berufen halten, etwas zu dem Thema beizusteuern – häufig allerdings ist die Lautstärke der Meinungsäußerungen zu der zugehörigen Evidenz umgekehrt proportional“, so Reif in dem Artikel.

Das hat mich natürlich in meiner Entscheidung bestärkt. Dennoch möchte ich mich jetzt keineswegs generell für oder gegen die Medikamentengabe bei ADHS aussprechen, ich möchte nur denjenigen, die dies tun, etwas zum Nachdenken geben bevor sie sich irgendwelche Urteile erlauben.