Mein Kind macht keinen Quatsch – Teil 2

OK, es hat erheblich länger als eine Woche gedauert bis zur Publikation vom 2. Teil von Mein Kind macht keinen Quatsch, aber dafür gibt es zahlreiche gute Gründe, auf die ich nächstes Mal näher eingehen werde. Jetzt möchte ich nur feierlich sagen: „I´m back!!!“

…und  nun hier endlich Teil 2:

Mit der Einschulung  öffnete sich dann aber ein anderes Kapitel: weder die Eltern der anderen Kinder, noch die Lehrer und schon gar nicht der Schulleiter hatten Verständnis für Carlos´ Verhalten oder unsere Situation. Ständig war das Mitteilungsheft voll (siehe Mein Kind macht Quatsch), bereits drei Wochen nach seiner Einschulung wurden wir das erste Mal zum Direktor geladen. Das allererste was er da (und überhaupt jemals) zu mir sagte, war: „Also, ich bin erstaunt, wie wenig erzogen Carlos ist!“ Das war schon wie ein Schlag ins Gesicht. Genauso gut hätte er sagen können: „Also, ich bin fassungslos, was für unfähige Eltern Sie sind!“ Wir erklärten unsere Sicht der Dinge und berichteten über frühere Konflikte in der Kindergartenzeit, uns wurden die Kontaktdaten des SPZ (wo wir ja eben bereits gewesen waren) und die eines Kinder-und Jugendpsychiaters gegeben, nach dem Motto „gehen Sie da mal hin und regeln das! Wir haben unsere Pflicht mit dem Hinweis an Sie jetzt getan.“

Die Einträge im Mitteilungsheft wurden nicht weniger. Ein paar Wochen später wurde eine Klassenkonferenz einberufen. Es wurde beschlossen, dass Carlos die Klasse wechseln soll, was mir nicht unrecht war, denn mittlerweile ging ich ihn nur noch ungern unter den Blicken der anderen Eltern vom Hort abholen. Aber auch in der neuen Klasse gingen die Probleme weiter, obgleich nicht ganz so heftig wie davor. Zu Hause wurde es jedoch umso schlimmer: er hörte gar nicht mehr, schrie mich nur noch an, beleidigte mich aufs wüsteste und bekam richtige Wutanfälle, aus denen er dann bis zu 30 Minuten nicht herauskam und unaufhörlich schrie. Auch ich, völlig überfordert mit allem (habe ja selber schon genug um die Ohren mit der alzheimerkranken Oma, meinem Studium, meinem Job, damaligen Problemen in der Partnerschaft und meinen beiden jüngeren Töchtern, da gerade mal 1 und 3 Jahre alt, mit denen ich ab 15:30 quasi alleinerziehend war, denn Schatzi fängt um 16:00 an zu arbeiten), war nur noch am Schreien – und, ja, ein/zwei Mal ist mir sogar die Hand ausgerutscht. Drei Mal suchte ich in dieser schweren Zeit die Erziehungsberatung auf, die mir aber, abgesehen für das entgegengebrachte Verständnis für meine Situation, auch nicht wirklich weiterhelfen konnte.

Im Dezember wurde beschlossen, dass Carlos von nun an verkürzten Unterricht erhalten solle, da er sich bereits ab der dritten Stunde so gar nicht mehr konzentrieren konnte und „einfach durch“ war. Natürlich stimmten wir zu. Außerdem schlug man uns das „Re:tour-Programm“ für ihn vor: „Verhaltensauffällige“ Kinder werden in Kleinstgruppen von 6 intensivst von mehreren Pädagogen beschult und erhalten zudem im gleichen Rahmen Ergotherapie, etc… Nachdem sie in ein bis maximal zwei Schuljahren gelernt haben, wie man sich in der Schule verhält und lernt, kommen sie wieder auf die Regelschule zurück (daher „retour“). Das hörte sich nicht schlecht an… Und verlockend war auch der Gedanke, nicht ständig Angst wegen Carlos´ Verhalten zu haben, denn dort würde er ja genau wegen diesen Problemen aufgenommen.

Zeitgleich entwickelte er endlich den für ihn so wichtigen Kontakt zu seinen Mitschülern. Er schloss Freundschaften, baute sich seine kleine Clique auf (die nicht nur Quatsch machte), insbesondere zu einem Jungen entwickelte sich eine Freundschaft, die übrigens bis heute anhält. Das hatte er davor noch nie! Und auch im Mitteilungsheft stand nichts sein Verhalten Betreffendes mehr (nur noch Organisatorisches, und dass er seine Stifte besser anspitzen sollte). Im Februar gab es dann eine weitere Konferenz, allerdings nicht wegen weiterer Vorfälle, sondern einfach um den Status Quo, auch was das Re:tour-Programm anging, zu besprechen. Mein Eindruck täuschte nicht: Carlos´ Verhalten hatte sich laut dem Horterzieher wirklich verbessert. Aber die Lehrerin, für die er bereits unwiderruflich den Stempel des „Troublemakers“ auf der Stirn hatte, und anscheinend nur noch die Wochen bis zum möglichen Re:tour-Programmbeginns zählte, bis sie ihn endlich los war, wollte das nicht so recht zugeben. Auf meine Bedenken hin, ihn jetzt wirklich in das Re:tour-Programm zu geben, ihn jetzt WIEDER aus der Klasse zu nehmen, gerade wo er endlich angekommen war im Schulalltag, in der Klasse, Freunde hatte und sich wirklich bemühte, „lieb“ zu sein, entgegnete sie nur, herumdrucksend, dass man ja nicht wirklich sagen könne, dass sich sein Verhalten echt gebessert hatte, weil er ja eben nur verkürzt in die Schule ginge, und eben auch nur eine Hofpause mitmache (Hofpause=Konfliktpotenzial) und auch nach den Winterferien eine Woche krank war, und, und, und,… Da vor den Osterferien eh kein Platz bei Re:tour frei werden würde, beschloss ich also erst einmal abzuwarten, wie sich mein Sohn in der Schule weiter entwickeln würde. In der Zwischenzeit sollten wir beim Jugendamt einen Integrationsstatus und einen extra Horterzieher für ihn beantragen.

Er blieb „lieb“ (also für seine Verhältnisse – aufgedreht und schnell abgelenkt wird er wohl immer sein), behielt seine Freundschaften, den Kontakt zu den anderen Kindern und fühlte sich eigentlich recht wohl in der Klasse, wenn da eben nicht seine Klassenlehrerin gewesen wäre, die ihn stets und ständig von jeglichen Aktivitäten ausschloss. Der für mich ausschlaggebende Punkt, ihn aus der Schule zu nehmen, war dann der Waldlauf: schon Wochen vor dem Termin erzählte Carlos von dem Waldlauftraining, das die Sportlehrerin mit seiner Klasse im Sportunterricht abhielt. Er belegte immer einen der ersten drei Plätze und war mächtig stolz. In einer Rundmail teilte die Lehrerin den Eltern der Klasse mit, dass die Kinder sich am Waldlauftag um 7:45 auf dem Hof einfinden sollen, von da aus würden sie dann gemeinsam zu dem Ort gehen, an dem der Waldlauf stattfinden sollte. Umso verwirrter war ich, als mich der Sonderpädagoge der Schule (nicht mal die Lehrerin persönlich!) einen Tag vorher anrief und mir mitteilte, dass ihn die Lehrerin gebeten hatte, uns noch einmal Bescheid zu geben, dass wir Carlos „morgen dann bitte erst um 11:00 in die Schule bringen sollen“, davor fände ja der Waldlauf statt.

… WHAAATT??!! Da hatte er sich doch schon so lange drauf gefreut! Ich war kurz davor auszuflippen, was eigentlich vor Lehrern, Erziehern und dergleichen nicht meine Art ist, aber in dem Moment war ich so geschockt, frustriert, enttäuscht, verletzt und vor allem aber richtig sauer! Der Pädagoge ließ durchscheinen, dass er ja eigentlich auch meiner Meinung wäre, und druckste herum, dass er nur das, was die Lehrerin sagte, weiterleite und da halt nichts tun könne, etc., etc.,.. Abends rief mich dann die Lehrerin an, anscheinend hatte der Pädagoge ihr meine Aufregung und mein Unverständnis über ihre Entscheidung mitgeteilt. Ich erklärte ihr zwar meine Frustration darüber und sagte ihr, wie sehr sich Carlos auf den Tag gefreut hatte. Auf die Frage, warum er denn nicht mitmachen dürfe, meinte sie nur, dass er ja nicht auf sie höre und sie Angst habe, dass er auf dem Weg wegrennen könnte. Seltsamerweise änderte sich ihre Einstellung aber auch nicht, nachdem ich anbot, Carlos morgens persönlich mit dem Auto zum Waldlauf zu fahren…

In dem Moment wurde mir schlagartig klar, dass ich meinen Sohn da rausholen musste – und dass eine „jetzt-bleibt-er-erst-recht“-Taktik die Lehrerin vielleicht ärgern, im Endeffekt aber nur ihm selbst schaden würde! Und so entschieden wir uns schließlich FÜR das Re:tour-Projekt.

Mittlerweile geht Carlos seit drei Wochen in die neue Schule und es gefällt ihm gut. Die Pillen (Medikinet 20 mg retard) haben wir übrigens mit der Entscheidung für Re:tour abgesetzt – die positiven Effekte haben die negativen Begleiterscheinungen (Appetitlosigkeit, Einschlafprobleme, Unausgeglichenheit, Niedergeschlagenheit, …) nicht wettgemacht. Aber wenn er nun in eine Schule geht, die auf „verhaltensauffällige“ Kinder spezialisiert ist, in der 4 ausgebildete Pädagogen auf maximal 6 Kinder kommen, und er außerdem noch eine Verhaltenstherapie macht (nach einem Dreivierteljahr sind nun endlich Therapeutensuche, Vorgespräche und Bewilligung der Krankenkasse durch!!), sollte das doch eigentlich reichen! …Zumal wir ihn ja gar nicht so gestört finden… 😉 „Mein Kind macht keinen Quatsch – Teil 2“ weiterlesen

Mein Kind macht keinen Quatsch – mein Kind hat ADHS!!!

…ok, es macht natürlich schon Quatsch, sogar oft und viel, aber die Ursache dafür ist nicht etwa, dass es böse oder unerzogen ist, sondern dass es wirklich eine neurologische Störung hat. Im Dezember letzten Jahres wurde nun endlich das diagnostiziert, was wir eigentlich schon immer vermutet hatten: Carlos hat ADHS, ganz eindeutig, wie der Arzt meinte.

Die Diagnose ging über mehrere Termine, drei, glaube ich. Bei denen wurden mit ihm allerhand Spiele und Tests gemacht und im Endeffekt kam dann eben das heraus, was wir schon immer ahnten: ADHS. Komischerweise war die erste Reaktion Erleichterung, obwohl bei unserem Kind gerade eine Krankheit diagnostiziert wurde, aber endlich wusste ich, dass sein Verhalten weder normal (und ich nur völlig unbelastbar) noch meine Schuld, bzw. die meiner Erziehung war.

In einem früheren Gespräch mit der leitenden Kinderpsychiaterin aus dem SPZ (Sozialpädagogisches Zentrum) wurde uns auf unseren geäußerte Verdacht auf ADHS hin entgegnet, dass das ja gar nicht sein könne, da Carlos ja gerade so wunderbar ruhig im Hintergrund Playmobil gespielt hätte. Ja, das tat er auch, jedoch meinte der Arzt, der nun eben ADHS bei Carlos diagnostiziert hat, dass selbst Kinder mit ADHS sich sehr wohl für einen Zeitraum auf etwas das ihnen Spaß macht, konzentrieren können, und das also kein Gegenargument oder gar Ausschlusskriterium sei.

Wir wurden damals übrigens vom Kindergarten aus erstmals zum SPZ geschickt, weil Carlos gebissen und generell einfach ständig gestört hatte; da war er gerade einmal 3 Jahre alt. (Die Diagnose ADHS darf übrigens offiziell erst ab 6 Jahren gestellt werden.) Nach dem Gespräch mit der besagten Psychiaterin sollte nun entschieden werden, wie man Carlos am besten helfen könne. Er durchlief sowohl Tests bei der Logopädin wie auch bei einer Ergotherapeutin. Im Endeffekt entschied die Psychiaterin; also die, die ihn so ruhig beim Spielen erlebt hatte. Sie meinte, dass wohl eine Logopädin ihm am besten helfen könne, da bei ihm aufgrund der Zweisprachigkeit (Papa ist wie gesagt Spanier) sein Wortschatz noch nicht so ausgeprägt wie bei gleichaltrigen Kindern wäre, und er sich dadurch anscheinend mehr durch sein auffälliges Verhalten als verbal zu verständigen vermochte.

Klang einleuchtend, und so probierten wir es brav aus. Er ging fortan also wöchentlich zu einer Logopädin, in der Tat erweiterte sich sein Wortschatz, doch an seinem Verhalten änderte sich…. Tja, also eben rein gar nichts…

Bei unserem jährlichen Spanienurlaub bei der Familie wurde es sogar noch schlimmer. Carlos drehte regelrecht auf, wie ein junger Hund. Je mehr Leute kamen, desto mehr musste er sich durch sein unpassendes, auffälliges Verhalten profilieren. Es war so schlimm, dass ich den Entschluss fasste, ihn nach dem Urlaub doch zu einer Ergotherapie zu schicken. Ich hatte echte Hoffnung in die Therapie. Nun würde er endlich ruhiger werden, weniger Konflikte in der Kita verursachen und wir dadurch weniger mit den Erziehern und anderen Eltern haben. Alles würde sich normalisieren.

Was soll ich sagen?… er ging gerne in die Therapie, einmal die Woche, spielte, turnte und bastelte dort mal mehr, mal weniger begeistert mit, aber an seinem Verhalten änderte sich rein gar nichts.

Die Probleme in der Kita gingen weiter. Ich graulte mich vor Elternabenden, weil mir das Verhalten meines Sohnes den anderen Eltern gegenüber unangenehm war. Noch unangenehmer als die Hilflosigkeit (was soll ich denn bitte tun, wenn die Erzieher mich beim Abholen sprechen wollen und mir berichten, wie aufgebracht die Mutter von XY war, weil Carlos ihr Kind wieder einmal gebissen/ geschlagen/geärgert hatte), war der Zwiespalt in dem ich mich (teilweise bis heute) stets befand: einerseits kennst du dein Kind, weißt um seine „Eigenheiten“, und heißt vieler seiner Ausbrüche und Reaktionen natürlich nicht gut, gleichzeitig willst du es aber auch verteidigen, denn eines ist klar: völlig ohne „Grund“/ Auslöser wird er XY ganz sicher nicht gebissen/ geschlagen/geärgert haben, dennoch ist natürlich klar, dass das Verhalten, das es an den Tag legt gelegt hat) inakzeptable ist, aber man muss, finde ich immer, den Gesamtkonflikt sehen. Was war das für eine Situation aus der der Konflikt entstand? Ein Kind, gerade eines mit ADHS, kann in einer Konfliktsituation nämlich nicht reflektieren, innehalten und cool bleiben und das jeweilige Problem ausdiskutieren, ein Kind, gerade eines mit ADHS, wird in einer Konfliktsituation auch nicht sofort den nächsten potenziellen Streitschlichter/ Konfliktlöser (also einen Erzieher oder Lehrer oder die Eltern) aufsuchen. Nein, ein Kind, vor allem eines mit ADHS, wird in den allermeisten Fällen impulsiv und unüberlegt reagieren und dabei womöglich über die Stränge schlagen, weil es seine eigenen Grenzen, Stärke und die der anderen eben nicht adäquat einzuschätzen vermag, weil sein Nervensystem eben nicht dazu in der Lage ist, Reize, die entsprechende Gefühle auslösen, adäquat zu filtern. So wie bei Babys, die genauso sehr weinen, wenn ihnen die Mama wegläuft, wie wenn jemand ihnen ihren Schnuller klaut. Durch den ständigen Dopaminmangel im Gehirn stürmen die Reize ungefiltert auf das Kind ein und können nicht richtig verarbeitet werden. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führt dies dazu, „dass es den Kindern schwerfällt, ihren Bewegungsdrang, ihre Gefühle und ihre Aufmerksamkeit zu kontrollieren. Aus diesem Grund spricht man von einer verminderten Fähigkeit zur Selbststeuerung“. Ein ADHS-Kind reagiert also weitaus empfindlicher und konsequenterweise auch umso stärker auf die stärker gefühlten Reize. Dieses Nicht-Filtern-Können der jeweiligen Reize, die ja ständig auf uns einprasseln, führt auch zu der überaus leichten Ablenkbarkeit dieser Kinder und der Konzentrationsschwäche, sprich, dem „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“. Kommt dann noch die Hyperaktivität hinzu, ist das Chaos perfekt! 😉

Tragisch sind auch die möglichen Begleiterscheinung des ADHS für die Kinder: da oft ihre (fein-)motorischen Fähigkeiten nicht so ausgeprägt sind wie die der anderen Kinder, und es natürlich am nötigen Konzentrationsvermögen hapert, können sie viele Aufgaben nicht in der gleichen Qualität lösen wie ihre gleichaltrigen Mitschüler/“Mitkindergartenkinder“, obwohl sie von der Intelligenz dazu eigentlich sehr wohl in der Lage wären (die ist nämlich genau wie bei dem „normalen“ Durchschnittskind ohne Verhaltensauffälligkeiten), und ab und zu kratzt das natürlich dann auch am Selbstbewusstsein und kann sich sogar aufs Selbstwertgefühl auswirken. Bei meinem Sohn kam hinzu, dass er auch noch der jüngste in seiner Kita-Gruppe war. In der Gruppe waren nur Kinder, die 2008 geboren waren, er aber ist im Januar 2009 geboren, durfte also gerade noch mit hinein (es war der einzig freie Platz in seiner Altersstufe als wir einen Kitaplatz gesucht hatten). Eine weitere drohende Begleiterscheinung von ADHS-Kindern ist die Außenseiterrolle: da sie (gefühlt) immer ärgern und oft überreagieren, möchte niemand mit ihnen spielen und sie werden ausgegrenzt. Ich kann mich besonders an eine Situation mit meinem Sohn erinnern in der er nach dem Kindergarten anfing zu weinen und mir sagte, er wolle nicht mehr dorthin gehen (er hat übrigens nie gefremdelt, ging stets mit Begeisterung in die Kita und versteckte sich regelmäßig als ich oder sein Papa ihn von dort abholen kamen, weil er nicht mit nach Hause, sondern lieber weiterspielen wollte), weil alle ihn dort ärgern und keiner „sein Freund“ sein will. In einem Gespräch mit seiner Erzieherin verriet diese mir, dass er sich (von sich aus- was er sonst nie tat!) im Morgenkreis meldete und sagte, dass er einen Freund haben möchte und traurig ist, dass nie jemand mit ihm spielen wolle und alle ihn immer ärgern würden. Ich konnte in dem Moment meine Tränen nicht mehr zurückhalten (sie übrigens auch nicht), so leid tat mir mein Kleiner (damals gerade mal 4 Jahre alt). Da die Gruppe aber größtenteils aus tollen, verständnisvollen Eltern (und Erziehern) bestand, wurde er niemals ausgegrenzt, durfte immer an allen Gruppenaktivitäten (Ausflügen, etc…) teilnehmen und wurde auch zu einigen Geburtstagen eingeladen.

Als die 2008er Kinder dann eingeschult wurden, kam er in eine altersgemischte Gruppe in der gleichen Kita. Anfangs war ich nicht begeistert, aber erstaunlicherweise erging es ihm da viel besser. Er war nun der älteste seiner Gruppe, die Kleineren schauten zu ihm auf, er konnte beeindrucken und hatte Freunde. Da er sehr einfallsreich und kreativ ist und immer die „besten“ Spielideen hatte, wollten alle mit ihm spielen. Sein neuer Erzieher und er verstanden sich auch super (bis heute), er war wirklich entspannt. Natürlich gab es auch in dieser Gruppe mal Probleme mit ihm, jedoch immer wenn mir der Erzieher davon berichtete, tat er es stets mit einem Augenzwinkern und der Bemerkung („…pero son niños“ – „Kinder halt…“).

Mit der Einschulung öffnete sich dann aber ein anderes Kapitel… Fortsetzung folgt nächste Woche!

Vier Schnecken und ein Todesfall

Sozialverhalten fördern durch Verantwortung 😉

014d4a2623b34598d2a2e05a662ee9f0042f3f9084Wir haben fünf neue Haustiere. Mein Sohn hat sie mir letzten Mittwoch freudestrahlend präsentiert, als ich ihn von der Schule abgeholt habe. Er und seine Freunde haben in ihren Brotboxen Schnecken gesammelt. Vier Schnecken und eine Raupe, um genau zu sein.

Meine erste Reaktion war natürlich ablehnend, aber dann erinnerte mich das Ganze doch sehr an meine eigene Kindheit. Ich glaube, jedes Kind hat mal eine Schneckenzuchtphase gehabt, oder? Und so erlaubte ich es ihm also, sie mit nach Hause nehmen – unter dem Vorbehalt, dass sie auf dem Balkon leben müssten, und dass er für ihr Wohlergehen verantwortlich wäre – was insbesondere auch die Einweisung seiner zwei kleineren Schwestern in den korrekten Umgang mit ihnen beinhaltete.

Auf der kurzen Autofahrt von der Schule bis nach Hause war Carlos übrigens sehr darauf bedacht, die Brotbox niemals ganz zu schließen, denn sonst bekämen die Schnecken (und die Raupe natürlich) ja keinen Sauerstoff, wie er mir und seinen Schwestern erklärte. Zu Hause angekommen bauten wir den Schnecken ein Haus aus einem Pappkarton, ein alter Karton von Zalando um genau zu sein. Um auch zugeklappt die Sauerstoffversorgung zu gewährleisten, schnitt mein Sohn ein großes Loch in den Deckel. Auf meinen Einwand hin, dass es ja durch das Loch hineinregnen könnte, klebte er es wieder zu und schnitt ein neues an der Seite des Kartons hinein. Er rupfte unsere Balkonpflanzen ab und legte sie in das Schneckenhaus, seine Schwestern halfen ihm begeistert dabei… Schließlich entwendete er noch ein wenig Erde aus einem Blumentopf, sammelte ein paar Stöckchen auf und packte beides dazu, auch an Verpflegung mangelte es den Tierchen nicht: Neben den Blättern unserer Pflanzen bekamen sie noch drei Salatblätter, eine kleingeschnittene Karotte, und sogar eine Mini-Tränke aus einem Tapasschälchen (der Größe nach zu urteilen wohl für Olivenkerne gedacht).

Die Kinder waren begeistert und beschäftigten sich noch eine ganze Weile mit dem Hausbau und ihren Schützlingen. Ich habe dabei natürlich immer aufgepasst, dass sie vorsichtig mit ihnen umgehen, aber erstaunlicherweise musste ich sie wegen etwaiger „Misshandlungen“ nicht einmal ermahnen (Carla wollte nur mal probieren und leckte eine Schnecke an, was ich daraufhin natürlich sofort unterband). Abends klappten wir dann den Deckel zu (Tierschützer seien an dieser Stelle daran erinnert, dass sich ein RIESIGES „Luftloch“ an der Seite befand, aus dem sie auch jederzeit hätten herausklettern können) und wünschten ihnen eine gute Nacht.

Der nächste Morgen verlief wie folgt:

Noch im Schlaf bemerke ich wie sich die Schlafzimmertür einen Spalt öffnet, Carlitos seinen Kopf hindurch ins Zimmer steckt und Emma, die wie immer nachts von ihrem in unser Bett umgezogen war, versucht aufzuwecken. Ich ermahne ihn, leise zu sein und schlafe wieder ein.

Ich höre die Kinder im Flur spielen; offenbar haben sie den Schneckenkarton hinein geholt. Ich schlafe wieder ein.

Ich höre Carlos: „Nein, Emma, du musst das Papier nass machen, sonst geht es nicht ab!“

Ich ahne nichts Gutes…

Carla: “Ist die tot, die Raupe? …. Carlitoooo, ist die tohot???“

Oh nein!!!

Ich bin auf einmal hellwach und sehe nach, was passiert ist. Meine drei Kinder sitzen auf dem Boden in unserem Eingangszimmer um ihr gebasteltes Schneckenhaus herum. Eigentlich ist alles ganz friedlich, nur leider ist der Zalando-Karton der armen Raupe zum Verhängnis geworden: laut Carlos´ Aussage ist sie am Klebestreifen (der eigentlich dem Verschließen zum Rückversand dient) hängen geblieben. An den hatte ich natürlich gar nicht gedacht, und wer seine Schutzfolie überhaupt erst abgemacht hatte, wird wohl ebenso ungeklärt bleiben wie wessen Versuch, die Raupe zu befreien, kläglich scheitert (oder philosophisch betrachtet vielleicht auch nicht…). Alle Spuren (zum Glück auch die von der toten Raupe) sind bereits von den Kindern (mithilfe des nassen Klopapiers) beseitigt worden.

Trotzdem hat die Geschichte ein Happy End, denn die 01b8e68dd9874cfa5a1e412856665012a0839671f2_00001Schnecken leben nach wie vor unversehrt und sichtbar glücklich auf unserem Balkon, nun aber in selbstbestimmter Freiheit. Ihr Haus gibt es zwar immer noch, es steht (mittlerweile vom Regen durchgeweicht) in einer Ecke, aber die Kinder haben gelernt, die Tiere selbst entscheiden zu lassen, wo sie wann hingehen oder schlafen möchten.

…ich weiß jetzt nicht, in wie fern eine Schnecke so etwas zu schätzen weiß, aber für die Kinder ist es, glaub ich, eine echte Einsicht!

 

Ich bin eine Getriebene

Seit ich Kinder habe, habe ich keine ruhige Minute mehr. Ständig bin ich am Machen und Tun, am Spielen, am Kochen, am Baden, am Kuscheln, am Trösten, am Meckern, am Abholen,…..

Und das Merkwürdige ist, wenn die Kinder mal nicht da sind[1] (und ich mal weder in der Uni noch bei der Arbeit, noch bei irgendeinem Termin bin), kann ich mich auch nicht entspannen! Dann bin ich wie besessen davon, die Zeit „zu nutzen“ und putze die Wohnung, wasche die Wäsche, gehe einkaufen, tätige Überweisungen, schreibe E-Mails (keine privaten, sondern eher an die Hausverwaltung/ Telekom/ …) und ärgere mich über die verlorene Zeit…

Nicht mal am Abend, wenn die Kinder endlich schlafen, alle Supermärkte geschlossen sind, die Wäsche gewaschen ist, …, komme ich zur Ruhe! Dann fange ich an, mir Gedanken zu machen; über die Zukunft, über unsere teure Wohnung, die zwar nach wie vor wunderschön, aber „dank“ Staffelmiete[2] und zwei Nebenkostenabschlagszahlungsanpassungen (durch Wörter wie diese werden Übersetzer in Deutschland übrigens pro Anschlag und nicht pro Wort bezahlt File:icon wink.gif ) jetzt, nach drei Jahren, schon so hoch ist wie sie es eigentlich erst nach sechs hätte sein sollen, darüber ob wir gute Eltern sind, oder eher wie wir es werden können[3], was man mit den Kindern am Samstag unternehmen könnte (und wie ich meinen Freund davon überzeuge), und, und, und… zum Entspannen komm ich da gar nicht.

Momentan stehen Wohnungs- und Jobsuche ganz oben auf meiner Agenda. Wohnungssuche obwohl ich unsere Wohnung liebe und es einfach keine bessere für diesen, im Vergleich immer noch guten, Preis in unserer Nähe gibt, und Jobsuche obwohl ich eigentlich gar keine Zeit für einen Job hätte, denn ich habe ja schon einen und außerdem steh ich unmittelbar vor meinem letzten Mastersemester – zu tun gibt´s also mehr als genug (von kranker Oma und drei Kindern mal ganz abgesehen…). Da wäre es doch sinnvoll, ökonomischer mit meiner Energie zu haushalten und sie auf das aufzuwenden, was wirklich gerade wichtig ist, nämlich meine Hausarbeiten zu schreiben und mich auf die Uni zu konzentrieren (und auf die Übersetzerprüfung kommendes Wochenende[4]) und mich, wenn die Möglichkeit gegeben ist, einfach mal zu entspannen!

Aber ich will irgendwie immer rennen bevor ich laufen und laufen bevor ich gehen kann. Ich sehne mich mit Mitte dreißig nun mal endlich nach einem „geregelten Leben“: nicht immer nur Nebenjobs, studentische Mitarbeiten, „nebenbei“ Hausarbeiten für die Uni schreiben und Referate vorbereiten müssen, bei Einkommensangaben (wie letztens wieder für die Krankenkasse) nicht immer zig verschiedene Bezugsquellen angeben sondern eine feste. Also „schaue ich einfach mal“ (Abend für Abend), was es so für Angebote gibt und verliere mich im Netz, schreibe manchmal sogar Bewerbungen (!) – bis ich total entkräftet und geschockt feststelle, dass es schon wieder 0:00 ist und die Wäsche noch immer nicht aufgehängt in der Maschine weilt…

[1] Also eigentlich nur tagsüber wenn sie in der Schule und der Kita sind

[2] von der wir bis zur Mietvertragsunterzeichnung nichts wussten, und die wir dann nach 8 Monaten intensivster Suche eben einfach so zähneknirschend hinnahmen, um nicht 8 weitere Monate suchen zu müssen

[3] So, dass es meinen Ansprüchen genügt, wahrscheinlich gar nicht…

[4] Hatte während einer meiner „Planabende“, die Idee, mich für die Prüfung zur staatlich anerkannten Übersetzerin anzumelden, und nach bestandenem ersten Prüfungsteil folgt jetzt am Wochenende der zweite; sollte ich den auch bestehen, im Juni dann der dritte (und letzte)