Independence Trip

Ich bin in London! Und zwar GANZ ALLEINE!!!!

Ich brauchte einfach mal ne Pause, und zum Glück hat Schatzi sofort zugestimmt, ja, mich eigentlich sogar auf die Idee gebracht, mal ein paar Tage wegzufahren, denn ich war echt ganz schön am Ende. Dies war neben den drei Kindern, dem Job, etc., etc., etc. durch das ganze Jahr, was ein einziger Stress war, bedingt.

Und hier bin ich nun in London – meiner „alten Heimat“ (hab ja mal drei Jahre hier gewohnt). Ich habe ganz bewusst auf jegliche Reisebegleitung verzichtet, denn ich möchte die Chance nutzen, mich einfach mal nur auf mich zu konzentrieren, und mich nicht noch für jemand anderen (egal ob Kind, Opa, Partner oder sogar Freundin!) verantwortlich zu fühlen.

Gleich nach der Buchung machte sich ein ambivalentes Verhältnis zwischen dem, was man in London doch alles tun könnte, nein, müsste, weil man ja jetzt endlich mal völlig frei unterwegs war, und dem eigentlichen Zweck meiner Reise, nämlich einfach mal zu entspannen und nichts zu tun, bzw. eben nicht das Gefühl zu haben, man müsse irgendetwas tun, breit; und wenn man eben den ganzen Tag im Cafe verbringt (und nicht in Shakespeare´s Globe/ auf dem London Eye/ bei den Kronjuwelen), dann ist das wunderbar, weil ich erstens London eh schon kenne, und zweitens, genau das (den ganzen Tag im Cafe verbringen) zu Hause in Berlin eben nicht machen kann, obwohl ich´s gerne würde – viel lieber als mir irgendwelche Sehenswürdigkeiten zu Gemüte zu führen, einfach nur weil man das oder das unbedingt gesehe01b922e3c7504495785089b0d1cb3a36fdc2d8e983n haben muss. Ist euch schon mal aufgefallen, dass man im eigenen Land nicht annähernd so viele Sehenswürdigkeiten gesehen hat wie anderswo? Mein damaliger Freund, zu dem ich mit 17 nach London gezogen bin, war beispielsweise weder im Tower noch im British Museum gewesen, ich aber sogar damals schon mehrmals; im Gegensatz dazu, war ich aber erst mit Anfang dreißig zum ersten Mal auf dem Fernsehturm – wohlgemerkt mit und hauptsächlich wegen der spanischen Familie meines Schatzis.

Die Einzigartigkeiten der Stadt ganz zu vernachlässigen kommt aber natürlich auch nicht in Frage. Ich denke, ich habe dieses Mal eine für mich sehr schöne Kombination von Sightseeing und „private interests“ gefunden: am ersten Tag bin ich gegen Mittag angekommen und habe mir eine Oyster Card gekauft (eine Travel card, auf die man so viel Guthaben laden kann wie man benötigt und dieses dann mit allen öffentlichen Verkehrsmittel abfahren kann; lohnt sich echt!). Da ich diesmal ziemlich zentral, nahe der Tube Station Goodge St, untergebracht bin, laufe ich fast überall hin, da reichen mir diesmal 15,00 Pfund Guthaben locker für drei Tage.

Vom Hotel bin ic011938d0ec8e1ea70da1c67d79c2778ea62750614fh erstmal zu „Black Garden Tattoos“ gelaufen und habe einen Termin gemacht, glücklicherweise war gleich für den nächsten Tag etwas zu haben! Danach bin ich in einem Second Hand Shop, der nur drei Häuser weiter liegt, gelandet u
nd habe mich verliebt – in einen Mantel. Oh Mann, so einen wollte ich immer schon haben, aber 125,00 Pfund sind viel Geld, zwar komplett vertretbar für diesen schönen Lammfellmantel von Trussardi, der First Hand wohl locker das 10-fache gekostet hat, aber eben immer noch viel Geld. Da ich meines nicht gleich am ersten Tag im ersten Laden ausgeben wollte, kaufte ich ihn nicht…

Ich lief zurück zum Hotel und ruhte mich etwas aus- Luxus! Geht mit drei Kindern nicht so einfach! 🙂

Zum späten Nachmittag machte ich mich dann auf zur „Gallery of Everything“. Jarvis Cocker, 016cc98c9911ee8014ef470223e1fb47027f09f682Britpop-Ikone und (neben David Bowie) mein Gott, hat dort nämlich eine Ausstellung, „Journeys into the Outside“, organisiert, die auf der gleichnamigen Channel 4 TV-Reihe basiert. Im Prinzip geht es um „Outsider Artists“, deren Kunst aufgrund der Herkunft (dem kulturellen Background) ihrer Macher nicht als solche anerkannt wird. Very interesting! Zwar war Jarvis nicht selber da, aber es gibt dort ein Zimmer, in dem seine TV-Reihe non-stop läuft und man es sich auf zwei matratzenartigen Sofas vor der Leinwand bequem machen kann. Die Ausstellung ist wirklich ziemlich klein, aber sehr gemütlich – und umsonst!

Danach war ich zwei Straßen weiter bei einem
01d16e2d7de256029203be6f57bfc1d37c43aa784a kleinen italienischen Restaurant („Anacapri“) in einer Seitenstraße essen. My Goodness, die London-Preise sind echt übertreuert: unter 10 Pfund gibt es so gut wie kein Hautgericht! Aber an dem Abend war mir das egal, ich bestellte sogar eine Vorspeise: „Avocado Vinaigrette“, zwar lecker, aber eben wirklich nur eine Avocado mit einer Vinaigrette und etwas Eisbergsalat als Deko, das Ganze für fast 6 Pfund!! Ein Aperol Spritz 7,50! Immerhin gibt es jetzt überall automatisch und umsonst eine Karaffe mit Wasser dazu, das ist schon sehr angenehm. Die Italiener waren aber sehr charmant und um mich bemüht, da konnte ich fast darüber hinwegsehen, dass die Spaghetti mit Tomate und Basilikum meinen nicht annähernd das Wasser reichen konnten – nur preislich waren sie ihnen haushoch überlegen…

Weiter trieb mich der Samstag mit Tube und Bus south of the river, nach Camberwell, da habe ich früher stets meine Abende verbracht, denn ich hauste im benachbarten Peckham. Für alle, die London nicht so gut kennen: Peckham ist so ungefähr mit der Bronx oder Harlem von New York vergleichbar, kein besonders angesehenes Pflaster, nicht mal die Taxifahrer wollten mich damals vom West End dorthin zurück fahren… In Camberwell aber war mein eigentlicher Lebensmittelpunkt, dort ging ich aus, dort ging ich schwimmen (im Camberwell Leisure Center), dort war mein Frisör, und dort kannte ich auch alle Locals. In London geht man abends in den Pub, und ohne sich vorher verabredet zu haben, trifft man eigentlich immer irgendjemanden, den man kennt. Ich war gespannt, ob das bei mir nach 15 Jahren immer noch so war…01ac61b9b53eef7c44bb6a1abca222a4c469348fb3

Nicht mal die Pubs waren die gleichen! Von meinen drei Stammpubs gab es so nur noch einen, die anderen beiden hatten sowohl Besitzer, als auch Namen und Räumlichkeiten verändert. Statt der Mittdreißiger und -vierziger von damals waren nun fast ausschließlich junge Studenten unterwegs. Wo ich damals, mit 18,19,20, stets die Jüngste war, war ich nun die Älteste! Ich trank einen Gin Tonic und machte mich wieder auf den Weg ins Zentrum. Im letzten Pub vor meinem Hotel kehrte ich auf einen Absacker ein. Ich kam mit einem echten „Cabbie“ (Londoner Taxifahrer) ins Gespräch, was sehr amüsant war; er gab mir noch einen weiteren Absacker aus, aber dann ging ich zurück Richtung Hotel. Ich war hundemüde…014863cd106bb4ea588e8a4b849db9c7d0e373d888_00001

Der nächste Tag startetet standesgemäß mit einem Full English Breakfast (vegetarian, of course). Ich war aufgeregt, schließlich hatte ich ja um 12:00 den Termin für mein first tattoo ever! Doch es war erst 9:00. Ich nutzte die Zeit ganz entspannt, um endlich mal wieder etwas für meinen Blog zu schreiben und ging mit dem Laptop zu Pret à Manger, alle anderen Freelancer Cafés und dergleichen, öffnen sonntags frühestens um 10:30, oder gar nicht.

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Pünktlich um 12:00, eigentlich sogar schon etwas vorher, war ich dann im Tattoostudio. Mein Tätowierer heißt Thomas Piñeiro und kommt ursprünglich aus Brasilien, sein Vater ist übrigens Spanier. Er war sehr angenehm; nett, unaufdringlich, professionell und hatte gaaanz warme Hände – im Gegensatz zu mir. Ich kann nicht sagen, dass ich nervös war oder gar Angst hatte, aber ich war schon aufgeregt vor dem Tattoo, schließlich hatte ich ja noch keines und wusste nicht, was mich erwarten würde. Aber Thomas fing an mit ein paar vorsichtigen Stichen und es war völlig ok! Als ob jemand etwas mit einer Rasierklinge in dich hineinritzt – ok, ich gebe zu, dass klingt jetzt nicht gerade harmlos, aber es ist wirklich vom Schmerz her voll in Ordnung und gut auszuhalten. Und das Ergebnis ist perfekt! Außerdem ging alles sehr schnell, nach einer Stunde war ich schon fertig! Als Belohnung über meinen Heldenmut ging ich danach wieder in den Second Hand Laden vom Vortag und …kaufte mir den schönen Mantel!! Ich wollte den Verkäufer von 125,00 auf 100,00 Pfund herunterhandeln, aber da der Mantel ganz neu im Sortiment sei, in so gutem Zustand, die Herbstsaison gerade erst begonnen hatte, etc., etc., könne er da leider nichts machen. Als Zeichen seines guten Willens gab er mir dann aber doch noch 5,00 Pfund Rabatt – immerhin! 😉

Ich ließ mich treiben und landete in Covent Garden, wo ich einem Straßenkünstler zusah, 01bdb06cd9879c4a91e10b674cedc1da0026be075aer war wirklich sehr lustig und die Stimmung war gut. Ich lief weiter  und da ich langsam Hunger bekam, sah ich mich nach etwas Günstigem zu essen um, so etwas wie einem Falafelstand in Berlin, aber da gab´s leider nichts unter 9,95… schließlich kehrte ich bei einem Inder ein, wo die Karte Hauptgerichte für schon 7 Pfund auswies – natürlich hatte ich nicht bedacht, dass die Beilage beim Inder (Reis oder Brot) in England extra bestellt werden musste, und so lag ich wieder bei locker 10 Pfund für das ganze Essen (ohne Getränk und Service, der dort inklusive berechnet wurde!)… Versöhnlich muss ich aber zugeben, dass alles sehr gut schmeckte!012d27ebe004e4b800183f6664f48e43e72031c41d

Ich lief weiter Richtung Waterloo Bridge, überquerte sie und landete beim Literatur Festival auf der Southbank. Ich durchstöberte die Stände. Dann fing es, ganz London-Manier, an zu regnen und beflügelt von diesem England-Feeling gi
ng ich im Riverside Terrace Café, unter der Waterloo Bridge, einen Tee trinken. Köstlich! Dann musste ich mich langsam beeilen, denn ich hatte bereits von Deutschland aus Tickets für die West End Vorstellung „The Play That Goes Wrong“ besorgt, welches um 19:00 anfangen sollte. Ich lief also zum Hotel, machte mich frisch, und ging wieder zurück Richtung Covent Garden.

                                  Das Stück hielt, was es versprach. Es war echt witzig! Außerdem gefiel mir die entspannte Stimmung in dem kleinen Duchess Theatre: man konnte selber entscheiden, ob man seine Taschen und Mäntel abgeben wollte oder nicht, man konnte sogar Getränke mitbringen (ich hatte eine Wasserflasche dabei), oder auch die von der Bar gekauften in Plastikbechern mit in den Saal nehmen, und so gönnte ich mir einen sehr wohlschmeckenden Pinot Grigio.
017eab6d07440fec11ace2328a26de352baa45ab8a_00001Nach der Vorstellung lief ich Richtung Soho, hatte ich mir doch vorgenommen, Ronnie Scott´s Jazz Club zu besuchen, allerdings war ich so müde, dass ich eigentlich nur noch etwas essen und dann schlafen wollte. Und so kehrte ich bei einer kleinen Pizzeria ein („Pizza Immigrants“). Ich aß eine Pizza, die ich so noch nie au010a87554ef92a19f57502990d079c4737537df67d_00001f einer Karte gefunden hatte: ohne Käse und nur mit Tomatensoße, frischem Knoblauch und Olivenöl. War lecker, nur leider war der Teig nicht ganz durchgebacken am Rand, aber da ich den sowieso meist übrig lasse, war das auch nicht so schlimm. Dazu gab´s übrigens wieder einen Aperol Spritz– für 6,50!

Mein Akku war schon bei nur noch 5%, und ohne das im Handy integrierte Navi war auch ich als London-Kennerin in den kleinen Gassen von Soho aufgeschmissen, also lief ich schnell zurück Richtung Hotel, versorgte das Tattoo mit Frischhaltefolie, wie mir Thomas geraten hatte, damit es nicht am Laken festklebe, und ging schlafen.

Tja, und heute ist nun leider schon mein letzter Tag hier, morgen geht´s zurück nach Berlin. Aber auch heute werde ich es mir noch einmal so richtig nach meiner Fasson gut gehen lassen! Ich habe den Tag mit Beans on Toast gestartet, bin ins Freelancers´ Cafe ty in Soho gelaufen, wo ich jetzt übrigens gerade, mittlerweile 4 Stunden lang, sitze und schreibe! Das ist so toll hier: überall gibt es Stecker, kostenloses W-Lan, leckeren Kaffee, Tee, Sandwiches etc., und das Beste: es ist hier völlig in Ordnung, sich drei Stunden an einem Cappuccino festzuhalten und einfach seine Arbeit zu machen, in anderen Cafés bekommt man ja schon mal mit, dass die Kellner nur darauf warten, dass der Tisch wieder für die nächsten Gäste frei wird (bei dem Italiener an meinem ersten Abend übrigens auch) – da traut man sich dann gar nicht, seinen Laptop überhaupt auszupacken.

Gleich werde ich mich zur Tate Modern aufmachen, wobei ich noch nicht weiß, ob ich wieder laufe oder diesmal faul mit den Öffentlichen fahre (müsste ja eigentlich mal meine Oyster Card abfahren…), dann werde ich entweder die Southbank hinunterlaufen, oder mit dem Boot die Themse hinauf bis Westminster fahren, oder, wenn ich von dem ganzen Kunstgenuss noch nicht genug habe, nehme ich das Tate-to-Tate Shuttleboot bis zur Tate Britain…. Heute Abend gehe ich ins Kino. Zufällig habe ich einen Tag vor meinem Kurztrip die Vorschau für „Bridget Jones´s Baby“ gesehen, hier läuft der Film schon seit September, und da ich in Berlin

  1. nicht dazu kommen werde
  2. wenn, dann nur mit viel Organisation (Babysitter, etc.)

und aber auch

  1. den Film mit Mann dann nur auf Deutsch sehen könnte, denn der ist Spanier und kann kein Englisch, oder ich alleine gehen müsste, aber nicht weiß, wie er nach meinem Independence Trip darauf reagiert, wenn ich schon wieder etwas ganz alleine machen möchte…

werde ich mir diese Chance natürlich nicht entgehen lassen! Mal gucken, ob ich danach wieder tot umfalle, oder es doch noch in den Jazz Club schaffe… Man wird ja alt…

 

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